Geknickter Dürstling, Gemeine Fluppe und Runder Dungwischling

02.03.2022

Rheingauer Förster beobachten während der Corona-Krise immer mehr illegale Müllentsorgung und Vermüllung im Wald

Rheingau. (sf) Kennen Sie den Lästigen Pappling und den Geknickten Dürstling? Oder den Schmierigen Frittling, den Kartoffelbeutler, die Gemeine Fluppe und den Runden Dungwischling? Wer diese sonderbaren „Waldtiere“ zu Gesicht bekommen will, muss nur ein paar Schritte in die Rheingauer Wälder gehen. Dort findet man diese und andere – leider gar nicht mal seltenen – Waldbewohner, die da nicht hingehören und auf die eine neue, witzig gemachte Plakataktion der Stadt Geisenheim und HessenForst im Geisenheimer Wald aufmerksam machen. „Müll ist ein ständiges Problem: Autoreifen, Grünschnitt und Hundekot in Plastikbeuteln ist im Grunde ein Dauerbrenner. Während der Lockdowns haben Reste von Renovierungen wie leere Farbeimer, Mineralwolle, alte Möbel und Kinderspielzeug zugenommen. An Parkplätzen findet sich immer wieder Klopapier, aber auch Bauschutt, Kleintierstreu und durchaus auch mal Kondome - es gibt kaum etwas, das nicht schon einmal im Wald entsorgt wurde“, erzählt der Geisenheimer Revierleiter Mathias Burg. Das sind Anblicke, die Waldfreunde, Waldbesitzer, Förster und nicht zuletzt auch die zuständigen Bürgermeister regelmäßig fassungslos werden lassen. Revierleiter Burg und seine Kollegen von HessenForst beim Forstamt Rüdesheim haben seit Beginn der Corona-Pandemie eine Zunahme der illegalen Müllentsorgung beobachtet. „Völlig verantwortungslos“, meint auch Bürgermeister Christian Aßmann von der Stadt Geisenheim. „Gerade in Deutschland haben wir eine Vielzahl an Möglichkeiten, unsere Abfälle kostenlos oder kostengünstig auf Wertstoffhöfen oder Deponien zu entsorgen.“. Und auch Revierleiter Burg ärgert sich darüber und mahnt: „Wer meint, seinen Müll stattdessen im Wald abladen zu müssen, riskiert nicht nur saftige Bußgelder, sondern gefährdet auch das Ökosystem Wald – den Wald, in dem wir Erholung suchen, wandern und spazieren gehen, joggen und Fahrrad fahren, der unseren Sauerstoff produziert und unser Trinkwasserspeicher ist.“

Dass solch ein rücksichtloses Verhalten nicht nur strafbar, sondern auch schädlich für Mensch und Umwelt ist, gehört eigentlich zum gesunden Menschenverstand. Und trotzdem passiert es immer wieder. Auch die Waldschutzorganisation PEFC erklärt, welche schweren Folgen das illegale Abladen von Müll im Wald hat: Die größte Gefahr gehe von Bauschutt, Batterien, Elektrogeräten und lackiertem Altholz aus. Sie alle würden chemische Bestandteile oder Giftstoffe enthalten. „Asbest, Blei, Öle oder Kühlmittel können mit der Hilfe des Regens in den Waldboden und anschließend bis in das Grundwasser eindringen. So bedrohen sie Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen“, so PEFC.

Gleiches gelte für Zigarettenstummel, die trotz der strikten Rauchverbote in vielen Bundesländern auf den Waldboden geworfen werden. „Sie können nicht nur Waldbrände auslösen, sondern enthalten auch das Nervengift Nikotin, welches durch Auswaschung in das Grundwasser und die Flüsse gelangt, wo es Wasserlebewesen schädigt oder sogar tötet. Die watteähnlichen Filter bestehen meist aus Kunststoff, der sich erst nach Jahrzehnten zersetzt und währenddessen von Tieren mit Nahrung verwechselt wird“, so die Waldschützer. Auch die weggeworfene Trinkflasche hat es in sich: Bis zu 450 Jahren dauert es, bis sich eine PET-Flasche im Wald vollständig abgebaut hat. Durch die Witterung löst sich Plastikmüll in immer kleinere Mikroplastikpartikel auf, die den Boden und das Grundwasser verunreinigen.

Aber auch die Entsorgung privater Gartenabfälle ist problematisch, erklärt Martin Schlimmermann, Bereichsleiter Dienstleistung und Hoheit vom Forstamt Rüdesheim: „Die unkontrollierte Verwilderung gebietsfremder Arten aus Gartenabfällen führt zur Verdrängung heimischer Pflanzen und Tiere. Der Kirschlorbeer, Japanische Knöterich und das Indische Springkraut sind hierfür die prominentesten Vertreter. Dadurch wird die biologische Vielfalt gefährdet und die heimische Flora und Fauna verfälscht. Rasenschnitt verrottet ganz schlecht und kann am Stammfuß eines Baumes diesen über kurz oder lang zum Verkehrssicherheitsrisiko machen, wenn Wurzeln zum Beispiel faulen. Einige dieser Pflanzen wie zum Beispiel der Riesenbärenklau oder die Beifußblättrige Ambrosie gefährden sogar die menschliche Gesundheit.“

„Einige Personen scheinen immer noch nicht verstanden zu haben, dass die Natur ein Kreislauf ist, dem auch wir Menschen angehören. Das heißt, dass Stoffe aus dem Müll, den wir in der Natur entsorgen, irgendwann wieder in unseren eigenen Mägen landen“, so der Förster. Was für Plastik im Meer gilt, gelte auch für Fremdstoffe im Wald.

Klare Worte findet auch der Gesetzgeber, wenn es um illegalen Müll im Wald geht: Wer Abfälle vorsätzlich oder fahrlässig illegal entsorgt oder als Eigentümer ermittelt wird, begeht nach dem Kreislaufwirtschaftsgesetz (KrWG) eine Ordnungswidrigkeit und kann mit Geldbußen von bis zu 50.000 Euro belangt werden. Das gilt auch für die achtlos weggeworfene Plastiktüte oder Getränkedose. „Ärgerlich ist im Grunde jede Entsorgung“, so Mathias Burg.

Vor allem auch die Hundekottüten sind für ihn ein „rotes Tuch“: „Was für einen Sinn macht es, die Hinterlassenschaft in Plastik zu verpacken und dann, wenn keiner zuschaut, in den Wald und ins Feld zu schmeißen. Da wäre allen mehr gedient, den Haufen unverpackt liegen zu lassen. Es liegen überall die Säckchen rum“, sagt er. Doch manchem Herrchen ist selbst das Tragen der Plastikbombe zum nächsten Mülleimer zu viel. Schätzungen zufolge werden mehr als 500 Millionen Beutel pro Jahr in Deutschland verwendet, die meisten davon landen in der Müllverbrennungsanlage. Denn ein Plastikbeutel mit Hundekot darin ist nicht recyclebar. Und was noch schlimmer ist: etwa 20 Prozent der Tüten werden irgendwo in der Gegend entsorgt. Worin genau die Motivation liegt, den Kot des Tieres erst einzusammeln und ihn dann mitsamt der Tüte wieder in die Natur zu werfen, ist rätselhaft und man fragt sich, was ist schlimmer, Hundekot oder Hundekot-Plastiktüte? Und Mathias Burg geht noch weiter: „Was auch sehr unangenehm für die Förster und Forstwirte ist, wenn frische Polter als „Abort“ genutzt werden und wir für das Vermessen dann zwischen weiß-braunen Tüchern rumtippeln müssen“.

Gerade auch durch die Lockdowns in Zeiten der Pandemie sei es zum regelrechten Ansturm auf den Wald durch Wanderer, Radfahrer und Urlauber gekommen. Davon würden zahlreiche Papiertaschentücher und inzwischen auch regelmäßig gebrauchte Gesichtsmasken, die schließlich als Sondermüll gelten, am Rand der Wanderwege, in übervollen Mülleimern oder zurückgelassenen Müllsäcken zeugen. Doch es seien nicht nur Erholungssuchende, die Müll hinterlassen. Auch Bauschutt finde man immer wieder im Wald. Wo der Abfall liegt, wissen die Förster ziemlich genau: „Überall, wo wir Wanderparkplätze und Zugänge zum Wald haben, sind neuralgische Punkte“. Bei der Art des Mülls gibt es nur wenig, was es nicht gibt: Die Bandbreite reiche von Fastfood Verpackungen aus dem Drive-In über ausgemusterte Kühlschränke bis zum Wintergarten. Sogar eine Wohnzimmergarnitur mit nettem Beipackzettel „zu verschenken“ sei schon gefunden worden.

„Größere Mengen, die im Wald entsorgt werden, stammen noch von rücksichtslosen ist, dass die Entsorgungskosten, die die Allgemeinheit tragen muss, viel höher sind, als beim Entsorgen auf dem Wertstoffhof“, so auch Bürgermeister Aßmann. Denn die Entsorgung wird von den Forstwirten oder dem städtischen Bauhof übernommen. Es sei selbsterklärend, dass es teurer wird, wenn Mitarbeiter, die über die Kommune bezahlt werden, extra raus fahren müssen, um den wild in den Wald gekippten Müll wieder aufzusammeln und zu entsorgen: „Es ist sehr schade, dass die Allgemeinheit hier für einzelne Egoisten die Kosten übernehmen muss!“

Die Forstwirte und Jäger haben ab und zu schon mal Leute dabei beobachtet, wie sie sich wie zufällig verhalten haben, im Zweifelsfall hat dann der eine oder andere Zeug weggeräumt was „nicht ihnen gehört“, dass sie aber, um Ärger zu vermeiden, „gerne“ eingepackt haben. Aufgeklärt werde nur ein kleiner Teil der Fälle, weil sich der Müll nicht so oft zu einem Verursacher zurückverfolgen lasse. Die Nachverfolgung sei schwer, hält er fest. Und viele machen sich einfach nicht bewusst, dass es Jahre und Jahrzehnte dauert, bis Plastik, Aluminium oder Papiertaschentücher verrotten. Hinzu kommt, dass Tiere durch den Verzehr von Abfällen erkranken können und die Böden durch Weichmacher und andere Chemikalien belastet werden. Umso wichtiger ist, solche Abfälle zu vermeiden. Und das geht ganz einfach, wenn jeder Waldbesucher seinen eigenen Abfall wieder mit nach Hause nimmt und Umweltsünder sich klarmachen, dass der Wald keine Dreckabladestelle ist, sondern ein empfindliches Ökosystem, das es im Sinne der eigenen Gesundheit zu schützen gilt.

Deshalb will man jetzt auch mit einer humorvollen Plakataktion noch mal einen ganz anderen Weg gehen und auf ganz andere Art auf die massiven Müllprobleme aufmerksam machen: Die Aktion „Sauberhaftes Hessen“ hat zusammen mit dem Hessischen Ministerium für Umwelt, Klimaschutz, Landwirtschaft und Verbraucherschutz schon vor einiger Zeit ein Plakatmotiv entwickeln lassen, das Naturliebhaber für das Thema Müll im Wald sensibilisiert, ohne dabei den mahnenden Finger zu heben. „Unsere Waldbewohner - leider noch nicht ausgestorben“, zeigt das Plakat und benennt zwölf der häufigsten Müllverschmutzungen mit phantasievollen Tiernamen wie „Gemeiner Weißblechling“, „Grille“ oder „Schnapsleiche“. Den nachhaltigen Erfolg des Waldbewohner-Plakats bestätigten engagierte Naturschützer aus ganz Deutschland und so ist die ungewöhnliche Tafel mit den sonderbaren „Wald- und Wiesenbewohnern“ auch im Rheingau zu finden, in der Hoffnung, dass diese lästigen Fundstücke möglichst bald von der Bildfläche verschwinden.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 02.03.2022.

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