Erbärmender Heiland für die 1000 Jahre alte Krypta

05.02.2022

Tochter des Bildhauers Josef Fink übergab handgeschnitztes Kreuz an die Oestricher Kirche Sankt Martin

Oestrich. (sf) „Erbärmender Heiland“ lautet der Titel des gekreuzigten Jesus am etwa zwei mal zwei Meter großen Kreuz aus grauem Sandstein, der in der Oestrich Pfarrkirche Sankt Martin zu den kostbarsten Kunstwerken gehört: Das „Erbärmde“-Bild zeigt Christus als Schmerzensmann „Ecce Homo“ und wurde im Volksmund auch der „Steinerne Heiland“ genannt. Ursprünglich war die Kreuz-Darstellung nicht in der Kirche beheimatet, sondern in der Wegekapelle in der Hallgartener Straße angebracht. Doch Witterungseinflüsse hätten dem Stein zu schaffen gemacht, so dass das Kreuz 1965 in die Kirche geholt wurde. Eine Kopie von der eher schlichten Darstellung des toten Jesus liegend auf dem Kreuz, mit vom Kreuz gelösten Armen und Füßen und Hände, die über der Brust verschränkt sind, ist heute in der Wegekapelle zu sehen.

Die Herkunft und die zeitliche Einordnung des Kunstwerkes seien schwierig, so die Chronisten der Oestricher Pfarrkirche. „Bekannt ist das Kunstwerk schon 1401, es könnte aus dem Kloster Gottesthal stammen, das 1138 gegründet wurde und mit der Säkularisierung fast völlig unterging“, so die Chronisten. Die Kreuzdarstellung sei wahrscheinlich im 11. oder 12. Jahrhundert geschaffen worden.

Das steinerne Kunstwerk war dann auch die Inspiration für den Oestricher Bildhauer Josef Fink: geboren 1925 in Mucsi in Ungarn war der Maurer durch die Vertreibung in den Rheingau gekommen und in Oestrich heimisch geworden. Neben seinem Beruf als Maurer war Fink auch privat mit den Werkstoffen Stein und Holz sehr kreativ und schuf als Bildhauer schöne Kunstwerke. Eines davon ist eine Nachbildung des „Erbärmde-Bild“ in Rheingauer Eichenholz: „Er fertigte dieses Kreuz 1978 zum Examen seines Sohnes Dr. Klaus Fink an“, erklärt seine Tochter Maria Schmitz. Ihr hat Josef Fink auch sein künstlerisches Talent vererbt, denn sie ist ebenfalls als Malerin weit über den Rheingau hinaus bekannt. Sehr gut erinnert sich Maria noch daran, dass ihr Vater sich für die Arbeiten an dem Kreuz direkt in die Kirche gesetzt hatte: „Er schnitzte es dort.“.

Jetzt kehrt es dort auch wieder hin, denn Maria Schmitz übergab das Familienerbstück an die Pfarrkirche Sankt Martin www.rheingau.de/sehenswertes/kirchen/martin-oestrich. Und das Holzkreuz von Josef Fink bekommt einen ganz besonderen Ausstellungsort: es hat einen Platz in einer der Treppennischen der altehrwürdigen Krypta von Sankt Martin. „Das ist einer der ältesten sakralen Räume im Rheingau“, erläuterte dazu Gemeindereferent Eberhard Vogt bei der Übergabe am Freitag. Die Krypta soll über 1000 Jahre alt sein und war viele Jahre in Vergessenheit geraten: Im Jahr 1666 gab es in Oestrich den ersten Pesttoten, dem noch 250 weitere in nur einem Jahr folgten. Der verliesartige Unterbau des Turmes, der einst durch eine Treppe mit Gewölbe zugänglich war, scheint in dieser Zeit nicht mehr als Krypta, sondern als Beinhaus genutzt worden zu sein. „Dieser architektonisch hochinteressante, aber fast vergessene Raum, der immer noch Verputzreste aus der Salierzeit zeigt, ist, im Gegensatz zu der Sakristei darüber, noch mit Kreuzgratgewölbe versehen. Die Rundbögen sind - heute noch erkennbar - mit roten und gelben, sorgfältig behauenen Sandsteinblöcken farblich abgesetzt. Offensichtlich wurde in den Gewölbescheitel ein quadratisches Loch gebrochen, das im 20. Jahrhundert wieder verschlossen, aber heute noch deutlich erkennbar ist“, so die Chronisten der Pfarrkirche, die das als Hinweis auf die Verwendung als Beinhaus vermuten.

In späteren Jahren stand in diesem Raum dann die Heizung und 1963 entstand hier der Kaminbrand bei einem Adventskonzert, dem der Kirchturm zum Opfer fiel. Bei Renovierungsarbeiten 1994 wurde schließlich die jahrhundertelang verschüttete Treppe freigelegt, die heute in die Krypta führt. Der beeindruckende Raum wird seitdem wieder für religiöse Feiern und Andachten genutzt und hat jetzt auch das Holzkreuz bekommen, das der Oestricher Künstler Josef Fink geschaffen hat. „Das ist für mich ein sehr bewegender Moment, und ich weiß, dass es meinem Vater gefällt, wohin wir sein Kreuz gebracht haben. Vielleicht wird es ja ein Anziehungspunkt für die Krypta“, hielt Maria Schmitz bei der Übergabe fest.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 05.02.2022.

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