Offene Höfe lockten hunderte Gäste nach Winkel

19.06.2018

Neues Eventkonzept war ein riesiger Erfolg/15 kleine Feste in den Höfen in der Hauptstraße

Winkel.(sf) "Was ist denn hier los, so viele Menschen habe ich hier noch nie gesehen?" , völlig verwundert beobachtete die Dame aus Johannisberg mit ihren beiden Gästen aus der Eifel und aus Leverkusen das rege Treiben in der Winkeler Hauptstraße: hunderte von Besuchern und Gästen tummelten sich hier und schlenderten von Hof zu Hof, wo überall Musik und Lachen ertönte. Eigentlich hatte die Johannisbergerin ihren weitgereisten Gästen das Graue Haus in Winkel zeigen wollen und war dabei mitten in der gelungenen Premiere des neuen Eventkonzeptes "Offene Höfe" gelandet. Hellauf begeistert "klapperten" die drei Besucherinnen nun die vielen verschiedenen geöffneten Höfe von Privatpersonen, Weingütern und Gewerbetreibenden ab und hatten dabei den größten Spaß: "Das ist ja wirklich toll hier und so vielfältig, hier ein Flohmarkt, im nächsten Hof ein Konzert und im Garten des kleinen Restaurants hier nebenan kann man ganz exotisch essen", waren die Besucherinnen mehr als angetan.

Und nicht nur sie: ausnahmslos alle Gäste der Festpremiere "Offene Höfe" am vergangenen Samstagnachmittag in Winkel zeigten sich von diesem Event restlos begeistert. "Dass man mal hinter diese Tore blicken kann, ist toll", meinte ein Geisenheimer. "Winkel präsentiert sich heute von seiner allerschönsten Seite. Ich hätte nie vermutet, dass es hier solche paradiesisch schöne Höfe und Gärten gibt", erklärte eine andere Dame aus Eltville. Vor allem auch die Winkeler selbst freuten sich, dass in der Hauptstraße "endlich mal so richtig was los ist". "Es wurde auch Zeit, das mal etwas passiert, das hier ist genau der richtige Schritt in die richtige Richtung" erklärte ein Anwohner, der sich allerdings gewünscht hätte, dass an diesem Nachmittag "die Hauptstraße mal für den Verkehr gesperrt wird".

Und auch die teilnehmenden "Hofbesitzer" selbst waren mehr als zufrieden mit dem Festverlauf. "Wir hätten nie gedacht, dass das Event so gut angenommen wird. Wir haben mitgemacht, weil wir einfach gerne zeigen, wie schön unser Hof ist und wussten ja eigentlich gar nicht, was auf uns zukommt", brachten es die Familien Steinberger und Listmann auf den Punkt, in deren Hof und lauschigen Garten zur Musik der Liveband "The Proggels" sich besonders viele Gäste eingefunden hatten. Die Gastgeber kamen gar nicht mehr nach mit dem Bratwurst grillen und kühle Getränke einschenken. Auf Gartenstühlen und -liegen, an Tischen und Bänke hatten es sich die Gäste gemütlich gemacht, lauschten der fetzigen Musik und bewunderten den schön gestalteten Hof mit Garten. Auch gegenüber bei Familie Mayer "steppte" der Bär: hier hatte es schon ab 14 Uhr zunächst ein Kinderprogramm mit Vorlesestunden, dann einen Vortrag mit Walter Hell über Peter Spahn und schließlich Livemusik mit der wundervollen Sängerin Arika gegeben. Im Mittelpunkt stand hier auch die Historie der aufwendigen Sanierung des Fachwerkhauses und des herrlichen Hofes mit verwunschen Garten durch die Familie Mayer: Die hintere Gartenmauer ist ganz von Efeu überwachsen, mitten drin befindet sich eine braune halbrunde Holztür, die Einlass in den "geheimen Garten" gibt. Wie im 1911 erschienen Kinder- und Jugendroman "The Secret Garden" von Frances Hodgson Burnett gibt es auch im Winkeler Fachwerkhaus der Familie Mayer einen Garten, der sich dem Besucher nicht sofort erschließt, der es aber mehr als wert ist, entdeckt zu werden: an dem uralten Birnbaum hängen so viele Früchte, dass die Äste sich biegen, daneben wirft ein Nussbaum die allerersten Früchte ab. Am Rosenbogen glühen die pinkfarbenen Blütenköpfe regelrecht und laden dazu ein, entlang des schwarzen Kiesweges den wunderschönen Garten zu erkunden. Bis in das letzte Detail stimmt hier alles, das gepflegte Gemüsebeet mit Kürbis, Tomaten und Himbeeren, die kleine Sitzgruppe und eine Liege im verborgenen Winkel. Eine steile Steintreppe führt vom Garten hinab in eine Scheune und von dort in einen großzügigen Innenhof, der ebenfalls sehr gepflegt und mit Buchsbäumen und Blühpflanzen in Kübeln, Sitzecken und gepflastertem Boden zum Gucken und Verweilen einlädt. 2009 hatte Familie Mayer das historische Fachwerkwohnhaus mit Hofanlage, Scheune, Innenhof und Garten in der Winkeler Hauptstraße gekauft. Das Haus hat eine bewegte Historie: es ist das Geburtshaus von Dr. jur. Peter Spahn, der hier am 22. Mai 1846 das Licht der Welt erblickte. Peter Spahn war ein deutscher Jurist und Politiker des Zentrums, von1917-1918 war er preußischer Justizminister, 1919/20 Mitglied der Weimarer Nationalversammlung, wo er als stellvertretender Vorsitzender des "Ausschusses zur Vorberatung des Entwurfs einer Verfassung des Deutschen Reiches" tätig war. Das historische Wohngebäude der Zeit um 1800 mit massivem Erdgeschoss aus Bruchstein und überbauter und rechteckiger Hofeinfahrt hat dem Ehepaar Mayer seit seinem Kauf viel Herzblut und noch mehr Behördengänge mit dem Amt für Denkmalschutz abverlangt. "Mehrere tausend Stunden Freizeit" habe man für die Sanierung aufgewandt, erklärt Familie Mayer.

Und auch bei Familie Burgsmüller und Dr. Weinmann hörte man gerne etwas zur Historie des altehrwürdigen Anwesens. Hier begrüßte Dackel "Quintus" fröhlich die vielen Gäste und schien immer wieder stolz "seinen" Hof zu präsentieren. Das Wohnhaus von 1662 verfügt über eine ganz außergewöhnliche Spindeltreppe, die aus einem einzigen Eichenbaumstamm gedrechselt wurde, hat eine Hausmadonna und im Hof mehrere jüngere Nebengebäude wie Stallungen und ein Kelterhaus. Ganz besonders schön ist auch die alte Bruchsteinmauer mit Torbogen, die den Hof begrenzt. Und ein Kuriosum, das sogar schon die Hochschule in Geisenheim hochinteressant fand, ist der wohl 200 Jahre alte Rebstock, eine Seidentraube, die im Hof ein dichtes Rebendach mitbegrünt. "Es war nicht das Haus, in das man sich auf den ersten Blick verliebte, aber es hatte so viele besondere Eigenarten, dass es uns einfach reizte", erzählten die Hauseigentümerinnen den interessierten Gästen bei ganz persönlichen Führungen durch Haus und Hof.

Besichtigen konnte man auch das gerade erst von Familie Bochmann komplett neu sanierte Graue Haus, das als ältestes Steinhaus Deutschlands gilt und besonders viele Besucher anlockte. Auch mehrere Weingüter waren mit von der Partie und luden in ihre sonst verschlossenen Höfe: so konnte man im Weingut Dr. Krayer im der Gänsgasse nicht nur die eigenen Weine und Köstlichkeiten aus der Gutsküche, sondern auch "Kunst aus der Gänsgasse" genießen. Eine Kunstausstellung der besonderen Art gab es in dem kleinen Hof beim Rheingauer Glasmaler Michael Elsemann, der hier wirklich sehr beeindruckende Kunstwerke aus Glas zeigte und davon erzählte, wie er in Irland eine ganze Kirche restauriert hatte.

Überall gab es in den 15 teilnehmenden Höfe Besonderes zu entdecken, Musik und Weine zu genießen oder gar die lange gesuchte Langspielplatte zu erstehen: der Leiter der Rheingauer Weinbühne hatte dieses Glück und kaufte auf dem großen Flohmarkt im Hof der ehemaligen Winkeler Post bei Familie Glensk und Schröder eine LP der "Andrew Sisters". Viele "Ahs und Ohs" erntete die Familie Altenkirch für ihre wunderschönen Hof mit anschließendem Garten, den hinter der kleinen Tür niemand so vermutet hätte und hier gab es Bio-Wein, Bier, Brot und Käse zu den Konzerten der "Herr Kall Band", "Jony the Pony", einer Kinderbuchlesung und dem schönen Verkaufsstand mit selbstgenähten Taschen und Accessoires auch ein tolles Programm. Bei Familie Dinies war es der eigene Sohn Max, der mit zwei Freunden tolle Livemusik zu köstlicher Erdbeerbowle präsentierte. In jedem der 15 offenen Höfe wurde ein richtiges kleines Fest gefeiert. Dazu hatten die ansässigen Gewerbetreibenden Essen und Trinken in Hülle und Fülle zu bieten.

Kein Wunder also, dass der Strom der Gäste gar nicht mehr abzureissen schien und am späten Nachmittag mehr als 500 Besucher von Hof zu Hof schlenderten und sich begeistert unterwegs immer wieder Tipps gaben, wo man unbedingt noch "reinschauen" sollte. "Wir kommen vom Wilhelmstraßenfest in Wiesbaden, wollten unseren kanadischen Gäste etwas bieten und sind doch eigentlich erst hier vor der eigenen Haustür fündig geworden, denn das hier ist viel schöner wie das Wilhelmstraßenfest", erklärte ein Winkeler Ehepaar, das in einem der Weingüter mit kühlem Sekt anstieß. Gerade auch, dass neben weitgereisten Besuchern so viele einheimische Gäste gekommen waren, freute die Teilnehmer des neuen Events ganz besonders und sie signalisierten jetzt schon, dass sie im kommenden Jahr wieder ihre Höfe öffnen wollen.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 19.06.2018.

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