Ich weiß nichts von der Zukunft, aber ich vertraue auf Dich
19.07.2026
Mit den drei Worten „Wunder – Wandern – Wallfahrt“ beim Jubiläumskonzert zehn Jahre Klostersteig wurde die ganze Geschichte von Marienthal erzählt/Letzter Reisesegen
Marienthal. (sf) Zum letzten Mal erteilte Pater Paul in der Wallfahrtskirche des Kloster Marienthal den Reisesegen mit den Worten des Ordensvater, des Heilige Franziskus: „Herr, in deinem Arm bin ich sicher. Wenn du mich hältst, habe ich nichts zu fürchten. Ich weiß nichts von der Zukunft, aber ich vertraue auf dich."
„Gott ist mit uns unterwegs, er ist an unserer Seite - nicht nur in den schönen Momenten, sondern gerade auch dann, wenn Pläne durchkreuzt werden oder Geduld gefragt ist. Ankommen und Loslassen: Ein Segen lehrt uns, im Hier und Jetzt zu sein. Er lädt ein, dankbar für die kleinen Wunder am Wegesrand zu sein und sich selbst den Raum zum Durchatmen zu geben. Wer gesegnet wird, ist selbst dazu berufen, ein Segen für andere zu sein. Ein freundliches Wort, Geduld mit Mitreisenden oder Lächeln machen das Unterwegssein für alle heller.“, so Pater Paul in dem Bewusstsein, das er und seine Mitbrüder schon in wenigen Tagen das Kloster Marienthal verlassen.
Wegen „Überalterung“ werden die Franziskanerbrüder den Wallfahrtsort Marienthal verlassen, wie bereits angekündigt. Der Auszug erfolgt Ende August bis Ende September, die offizielle Verabschiedung wird am 15. August am Hochfest der Aufnahme Mariens in den Himmel mit einem Pontifikalamt mit Weihbischof Dr. Thomas Löhr und einem offiziellen Festakt stattfinden.
Am vergangenen Sonntag gab es ein letztes Abschiedskonzert in der kleinen Klosterkirche anlässlich des zehnjährigen Jubiläums des Rheingauer Klostersteigs: Eine musikalisch-textliche Zeitreise unter dem Motto „Wunder – Wandern – Wallfahrt“. „Eigentlich erzählen diese drei Worte die ganze Geschichte von Marienthal. Denn seit mehr als 700 Jahren machen sich Menschen auf den Weg hierher. Manche als Pilger, manche als Wanderer, manche voller Hoffnung, manche mit Sorgen. Und manche einfach, weil sie spüren: Hier ist ein Ort, an dem man still werden kann, ein Ort der persönlichen Besinnung, ein Ort des Friedens und der Versöhnung - ein Ort der Kraft.“, sagte Dr. Christopher Klein in seiner Begrüßung. Er freute sich, das so viele Gäste zum zehnjährigen Jubiläum des Rheingauer Klostersteigs gekommen waren, mit Pilgerführer Wolfgang Blum an der Spitze. „Dieser Weg verbindet Klöster, Kirchen, Landschaften und Orte der Stille im Rheingau. Und kaum ein Ort passt besser zu diesem Gedanken als Marienthal. Denn Marienthal war immer ein Ort für Menschen unterwegs. Für Menschen auf äußeren Wegen und manchmal auch auf inneren Wegen.“, so Dr. Christopher Klein.
Im Jahr 2023 hatte er auf Bitten des Franziskanerkonvents eine Dokumentation über die Geschichte des Klosters Marienthal und das 150jährige Wirken der Franziskaner verfasst. Für die Veranstaltung hatte seine Lebensgefährtin Berenike Dries diese Dokumentation zu einer musikalisch-textlichen Zeitreise verdichtet und dramaturgisch aufbereitet. So waren auf einer Leinwand historische und aktuelle Bilder aus dem Klosterleben seit den 1930er Jahren zu sehen, die tief beeindruckten. Ebenso wie die passende Musik, die Dr. Klein am Piano, Egon May an der Trompete und dem Horn, Vera Ziegler an der Klarinette und die Kantorin Daniel Obst als „Ensemble vom Elsterbach“ präsentierten. Stücke wie die Orchestersuite Nr. 3 „Air“ von Johann Sebastian Bach, „Die Ehre Gottes aus der Natur“ von Beethoven, das „Cantabile For You“ von Enrico Pasini und das Adagio KV 580a von Mozart berührten die Zuhörer. Besondere Höhepunkte waren jedoch das Marienthaler Wallfahrtslied von 1730 „O Himmlische Frau Königin“ und Schuberts „Ave Maria“, vorgetragen von Daniela Obst.
Zwischen den musikalischen Parts gab es besinnliche Textpassagen, die weit hin die Historie des Kloster Marienthal führten. Berenike Dries begann mit der Erzählung aus dem Jahr 1309: „Damals verunglückte ein Jäger namens Hecker Henn im Wald. Er verlor sein Augenlicht und betete in seiner Not vor einem Bildstock mit dem kleinen Vesperbild der „Schmerzhaften Muttergottes“ und wurde geheilt. Sein Dienstherr, Junker Hans Schaffrait, ließ daraufhin einige Jahre später eine Kapelle errichten, in der das Marienbildnis einen würdigen Platz fand. Die Hoffnung auf eine eigene Wunder-Erfahrung brachte mehr und mehr Menschen in das abgelegene Tal, sodass schon am 8. September 1330, dem Fest Mariä Geburt, eine größere Kirche durch Erzbischof Balduin von Trier eingeweiht wurde. Marienthal wurde zunächst von Weltpriestern betreut und der Wallfahrtsort blühte auf. Es entwickelte sich hier im Laufe der Jahrhunderte einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Rheingaus und darüber hinaus. Schon die Lage von Marienthal ist wohl kein Zufall, mitten im Tal, umgeben von Wald, Weinbergen und Stille. Wer hier ankommt, spürt schnell, dass dieser Ort anders ist. Nicht laut, nicht hektisch, wie ein geschützter Raum mitten in der Natur. Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Wunder von Marienthal: Dass Menschen seit über 700 Jahren hier Trost und Frieden suchen und ihn auch immer wieder finden.“.
Berenike Dries berichtet von den Hochs und Tiefs in der Klostergeschichte, erinnerte
an die Ankunft der „Brüder vom Gemeinsamen Leben“ 1463 in Marienthal, die nicht nur in der Seelsorge vor Ort ausgesprochen segensreich wirkten, sondern mit der „Marienthaler Presse“ auch die erste Klosterdruckerei der Welt gründeten und damit, wenige Jahre nach der Erfindung des Buchdrucks, zu den Pionieren dieses neuen
Handwerks gehörten. „Die Ordensgemeinschaft sah sich bald nach Beginn der Reformation allerdings gezwungen, Marienthal wieder zu verlassen. Das war 1540, danach wurden keine Wallfahrtsgottesdienste mehr gehalten. Es folgten schließlich mehrere Wechsel: 1568 kamen die Augustinerchorherren, doch in einer
Phase wachsender Religionslosigkeit wurde das Priorat im Jahre 1576 wieder aufgelöst. Das ändert sich 1612 als die Jesuiten Marienthal übernehmen. Sie hatten mit einem Großfeuer zu kämpfen, 1626 außerdem mit der Pest. Doch es gelang ihnen bis zu ihrer zwischenzeitlichen Aufhebung 1773, den Wallfahrtsort zu erhalten und auszubauen. Nach ihrem erzwungenen Weggang befahl der Erzbischof, das Marienbild in die Pfarrkirche nach Geisenheim zu übertragen und veranlasste den Abbruch der Wallfahrtskirche. Die Chronik berichtet: „Beim Abbruch aber ereignete sich ein schweres Unglück: Am 15. September 1782 wurde der Maurer Kaspar Eisenbach aus Stephanshausen von dem einstürzenden Gewölbe erschlagen. Lähmendes Entsetzen erfasste die übrigen Arbeiter. Sie sahen im Tod ihres Kollegen einen Fingerzeig Gottes und verweigerten den weiteren Abriss der Wallfahrtskirche. So blieb sie dann als Ruine stehen. Viele Pilger aber kamen nach wie vor und beteten an der Stelle, wo das Gnadenbild gestanden hatte.“.
Berenike Dries beleuchtete zu historischen Bildern, das die Geschichte von Kloster Marienthal nicht immer leicht war: „Über die Jahrhunderte erlebte dieser Ort schwere Zeiten wie Kriege, Zerstörung, Unsicherheit. Im Dreißigjährigen Krieg wurde vieles zerstört. Später verfielen Teile der Anlage. Manchmal dachte wohl niemand, dass dieser Ort überhaupt eine Zukunft haben würde. Und doch geschah immer wieder etwas Erstaunliches, ja Wundersames. Menschen gaben Marienthal nicht auf.
Immer wieder kamen Menschen zusammen, um diesen Ort zu erhalten, neu aufzubauen und weiterzutragen. Mehrere Male wechselt die verlassene Klosteranlage samt Kirche ihren Besitzer. Im halbzerstörten Kirchenschiff wuchs ein Lindenbaum, aus dem später eine Marienfigur geschnitzt wurde. Es dauerte bis zum 8. September 1858, als am Fest Mariä Geburt die wieder instandgesetzte Kirche neu konsekriert wurde. Mit feierlicher Prozession kehrte das Gnadenbild zurück und mit ihm ein überaus reges Wallfahrtsgeschehen, für das seit 1873 die Franziskaner verantwortlich sind, mit Ausnahme einer kurzen Unterbrechung während der Zeit des Kulturkampfs. Vielleicht liegt genau darin eines der größten Wunder von Marienthal: Dass dieser Ort trotz aller Veränderungen weiterlebt. Nicht, weil Gebäude ewig wären. Sondern weil Menschen ihn im Herzen tragen.“, sagte sie.
Und auch auf das Gnadenbild, den Mittelpunkt von Marienthal, ging sie ein: „Eine Pietà, möglicherweise die älteste bekannte Darstellung ihrer Art: Maria mit dem toten Jesus auf ihrem Schoß. Ein stilles Bild, ein Bild von Schmerz, aber auch von Trost. Seit Jahrhunderten kommen Menschen hierher, um Kerzen anzuzünden, zu beten, zu danken oder einfach still zu werden. Und genau das macht Wallfahrtsorte bis heute so besonders: Dass Generationen von Menschen dieselben Wege gehen und dieselbe Hoffnung teilen. Manchmal prägte ein Weg sogar ein ganzes Leben. So erzählt man es auch von dem späteren Limburger Bischof Peter Joseph Blum. Als Kind soll er gemeinsam mit seiner Mutter nach Marienthal gepilgert sein, wie viele andere auch, die immer wieder die Ruine im Tal aufgesucht haben. Diese frühen Wege, die Atmosphäre des Tales, haben den jungen Peter Joseph offenbar tief berührt. Später verstand er wohl gerade deshalb, wie wichtig Marienthal für die Menschen war. Auch soll er hier seine Berufung zum Priester erfahren haben. Und als die Wallfahrtsstätte im 19. Jahrhundert fast verloren war, setzte er sich gemeinsam mit Fürst Metternich für ihren Wiederaufbau ein, so, wie wir sie heute kennen. 1858 wurde die Kirche feierlich neu geweiht. Und mit ihm lebte auch alsbald die Wallfahrt wieder auf. Tausende Menschen begleiteten damals diesen Weg. Und es ist eine schöne Fügung der Geschichte, dass der Name „Blum“ eng mit dem Klostersteig verbunden ist. Denn viele Menschen kennen Wolfgang Blum, der den Rheingauer Klostersteig begleitet, Pilgerwanderungen führt und Menschen für das Unterwegssein begeistert. Damals half ein Blum, den Menschen den Weg zu zeigen und Marienthal eine neue Zukunft zu schenken. Und heute begleitet wieder ein Blum, ein Verwandter des Bischofs von Limburg, Menschen auf ihren Wegen nach Marienthal.“.
Das Kloster sei über die Jahrhunderte von vielen geistlichen Gemeinschaften geprägt gewesen und nie nur ein Ort des Gebets, sondern immer auch ein Ort geistiger und menschlicher Erneuerung. Mehr als 150 Jahre lang hätten die Franziskaner seit 1873 mit ihrem Leben und Wirken das Kloster Marienthal mit Einfachheit, mit offenen Türen, mit Zeit für Menschen geprägt. „Menschen erinnern sich nicht zuerst an große Worte, sondern an Begegnungen, an Freundlichkeit, an Menschlichkeit. Über Generationen hinweg haben viele Brüder diesen Ort geprägt. Jeder auf seine Weise: mit Gesprächen, mit Gottesdiensten, mit offenen Türen, mit stillem Dasein. Manche standen sichtbar im Mittelpunkt, andere wirkten leise im Hintergrund. Doch gemeinsam haben sie Marienthal zu dem gemacht, was es für viele Menschen bis heute ist: Ein Ort der Nähe, der Menschlichkeit und des Glaubens. Es waren viele Menschen, die Marienthal bis heute eine Seele gegeben haben. Und genau deshalb bewegt der Abschied der Franziskaner derzeit so viele von uns. Denn es endet damit nicht einfach nur ein Kapitel der Geschichte, sondern für viele auch ein großes und wichtiges Stück Heimat.“, so Berenike Dries.
Tatsächlich hatten einige der Gäste feuchte Augen, als Pater Paul den abschließenden Reisesegen erteilte. Und doch ging man nicht hoffnungslos auseinander: Pfarrer Marcus Fischer kam überraschend an den Ambo und verkündete mit Freude, das das Pilgern nach Marienthal weiter gehen würde, wie genau und unter welcher Trägerschaft werde am 15. August im Rahmen des Festaktes mitgeteilt. Schon jetzt lud er für die Rheingauer Wallfahrt am 7. September ein. Und auch Dr. Klein gab Hoffnung mit auf den Weg: Man sei dabei einen Förderverein zu gründen, es gibt unter www.marienthal-rheingau.de bereits Informationen und ein neues Logo.
Aktuell zeige sich gerade, wie wichtig Marienthal für viele Menschen immer wieder ist: „Denn Orte wie dieser entstehen nicht einfach neu. Sie sind Orte der Kraft vom ersten Tag an und wachsen über Generationen. Und sie leben, weil Menschen sie lieben. Manches wird sich verändern, aber die Sehnsucht nach Stille, nach Hoffnung, nach Orientierung die bleibt. Und vielleicht beginnt genau deshalb auch etwas Neues. Vielleicht ist auch das eine Form von Wallfahrt: Nicht stehen bleiben, sondern weitergehen, Vertrauen, neue Wege suchen.“.
Ein Bericht von Sabine FLadung vom 19.07.2026.
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