Früher Einsatz rettet junges Leben

23.06.2026

Kitzrettung mit Wärmebilddrohne im Einsatz / Ehrenamtliches Engagement im Morgengrauen

Noch liegt der Rheingau im Morgengrauen, als sich ein Team der Kitzrettung Rheingau-Taunus um 4.30 Uhr auf den Weg macht. Der frühe Start hat einen guten Grund: Solange die Luft noch kühl ist, heben sich Rehkitze in der Wärmebildkamera der Drohne besonders deutlich von ihrer Umgebung ab. Wird es später wärmer, speichern auch Boden, Steine und Pflanzen Wärme – die Suche wird schwieriger.
Vier Wiesen standen an diesem Morgen auf dem Programm. Sie sollten vor der Mahd systematisch abgeflogen werden, um im hohen Gras abgelegte Kitze rechtzeitig zu entdecken. Gleich auf der ersten Fläche am „Hohen Rech“ in Geisenheim wurde das Team fündig: Auf dem Bildschirm zeigte sich ein auffälliger Wärmepunkt, kurz darauf war klar, dass dort ein Jungtier lag.

Vorsichtig wurde das Kitz gesichert und in eine Kiste gesetzt. Dabei tragen die Helfer grundsätzlich Handschuhe und verwenden Grasbüschel als Polster und Schutz. So soll vermieden werden, dass der menschliche Geruch auf das Kitz übergeht, denn dann könnte die Gefahr bestehen, dass es später von der Ricke nicht mehr angenommen wird. Eine Helferin blieb als Kitzsitterin bei dem gesicherten Tier zurück, während sich die übrigen Retter auf den Weg zu weiteren Flächen in Stephanshausen machten. Dort blieb die Suche ohne Befund.

Zum sechsköpfigen Team der Kitzrettung gehörten an diesem Morgen auch zwei Studenten der Hochschule Rhein-Main, die im Rahmen eines Projekts zu Frühaufstehern wurden und mit viel Eifer bei der Sache waren. Dazu kam Landwirt Huby Körber, der die Mahd als Futter für seine schottischen Hochlandrinder und die Dexter-Rinder eines Freundes nutzt. Für Landwirte und Tierhalter ist die Kitzrettung ein wichtiger Beitrag, um die Mahd verantwortungsvoll durchführen zu können. Denn junge Rehkitze haben in den ersten Lebenswochen noch keinen Fluchtinstinkt. Bei Gefahr drücken sie sich ins Gras – ein natürlicher Schutz vor Fressfeinden, aber eine tödliche Gefahr, wenn ein Mähwerk naht.
Ob sich aus dem Tierschutzgesetz im Einzelfall eine konkrete Pflicht zur Befliegung oder zu vergleichbaren Schutzmaßnahmen ableiten lässt, ist juristisch nicht eindeutig zu beantworten. Klar ist aber: Wer sich vorstellt, welche Qualen ein Tier erleidet, wenn es in ein Mähwerk gerät, versteht sofort, warum die Suche vor der Mahd mehr ist als eine freundliche Zusatzleistung. Die Befliegung mit Wärmebilddrohnen gilt heute als besonders wirksame Methode, solche Vorfälle zu verhindern. Auch Bundes- und Landesstellen verweisen darauf, dass Drohnen mit Wärmebildtechnik eine effiziente und deutlich effektivere Methode zur Jungwildrettung sind als viele ältere Suchverfahren.
Der Einsatz ist allerdings aufwendig. Eine Drohne mit Wärmebildkamera und allem nötigen Zubehör kostet schnell mehrere Tausend Euro; für eine praxistaugliche Ausstattung muss mit Summen bis in die Nähe von 10.000 Euro gerechnet werden. Hinzu kommen Ausbildung, Erfahrung und viel ehrenamtliche Zeit. Die Kitzretter schlagen sich in der Saison manche Stunde Schlaf um die Ohren – unentgeltlich. Finanziert wird die Arbeit des Vereins über Spenden und Mitgliedsbeiträge.

Am Ende dieses frühen Morgens stand ein gerettetes Kitz. Für die Helferinnen und Helfer war es der beste Grund dafür, warum der Wecker weit vor Sonnenaufgang geklingelt hat. Der Einsatz am vergangenen Mittwoch war nicht der erste und wird nicht der letzte sein, weitere Einsätze in den nächsten Tagen werden folgen. Wichtig ist, dass nach der Befliegung möglichst schnell auch gemäht wird, um die Gefahr eines erneuten Besatzes auszuschließen. Vorsorglich werden zwar „Scheuchen“ aufgestellt, ihre Wirkung hält aber nicht lange an. Und die „Kitzsitter“, die bei den aufgefundenen Jungtieren bleiben, sind froh, wenn sie nicht stundenlang in einer Wiese sitzen müssen, denn umschwärmt werden sie nur von zahllosen Mücken.

Ein Bericht von Sabine FLadung vom 23.06.2026.

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