„Burmesischer Tempel“ ist eine königliche Empfangshalle

07.06.2026

Ehrenamtliche Helfer der Rheingauer Tafel waren eingeladen, die sagenumwobene Tempelanlage in Hattenheim zu besichtigen

Oestrich. (sf) Das Interesse war riesig: Johannes Hinse von der ehrenamtlichen Helferriege der Caritas Tafel im Rheingau hat schon viele Besichtigungstermine für seine Mitstreiter im Rheingau organisiert – aber so viele waren noch nie dabei gewesen. Kein Wunder, ging es doch für die rund 40 Teilnehmer in das Innere des sagenumwobenen „burmesischen Tempels“ in direkter Nachbarschaft von Schloss Reichartshausen und der EBS. Es war Hinse gelungen, Kontakt zum Eigentürmer der Anlage, Dr. Klaus Lesker, aufzunehmen und einen Besichtigungstermin für die komplett sanierte und authentisch restaurierte Anlage zu erhalten. Benjamin Becker, der Rheingauer Vertreter der Firma DIAG, deren Inhaber Dr. Lesker ist, führte die Gäste durch den wundervoll mit dutzenden Rosenbäumchen angelegten Garten rund um den Tempel und auch ins sonst für die Öffentlichkeit verschlossene Innere. Dabei berichtete er auch ausführlich von der wechselvollen Historie des vermeintlichen „Tempels“. Denn der ist eigentlich „nur“ die nachgebaute Empfangshalle des einstigen burmesischen Königspalastes und prachtvoll mit originalen Teakholzschnitzereien und Freskenbemalung vom historischen Leben im einstigen Burma, heute Myanmar, ausgestattet.

Myanmar, das frühere Burma, ist ein südostasiatischer Staat mit Grenzen zu Indien, Bangladesch, China, Laos und Thailand, in dem mehr als 100 ethnische Volksgruppen leben. Die einstigen burmesischen Herrscher hatten enge Beziehungen zu der in Geisenheim beheimateten, seinerzeit im Staatsbesitz befindlichen Firma Fritz Werner, die für den Bau von Anlagen der Verteidigungsindustrie bekannt war. Doch längst nicht nur für die Militärs baute der staatliche Betrieb Fritz Werner in Burma Fabriken, sondern unter anderem auch für Landmaschinen und Fördertechnik, was zur industriellen Entwicklung des Landes wesentlich beigetragen habe. Und auch eine gute Freundschaft der Herrscher in Burma zu Deutschland und dem Rheingau entstand. So war dann auch der „burmesische Tempel mit Tee-Pavillon“ ursprünglich ein Gastgeschenk des Staates Burma an die Geisenheimer Firma Fritz Werner und wurde 1970/71 idyllisch im grünen Park von Schloss Reichartshausen errichtet. „Das Gebäude ist die Nachbildung einer königlichen Empfangshalle, die als burmesischer Ausstellungspavillon auf der Expo 1968 in Montreal gezeigt wurde und dort abbrannte", erläuterte Benjamin Becker. Für diesen „Notfall“ hatte es sogar ein identisches „Ersatzgebäude“ geben, das zwar nie auf der Weltausstellung gezeigt worden war, aber eben existierte und genau dieses Gebäude ist dasjenige, welches heute im Rheingau steht. Aufgebaut wurde der „burmesische Freundschaftspavillon“ auf dem rund 2500 Quadratmeter umfassenden Gelände zwischen Oestrich und Hattenheim, dass damals noch Fritz Werner gehörte. Über der seitlichen Eingangstür steht bis heute goldfarben in burmesischer Schrift „Brücke der Freundschaft“ und eine Gedenktafel neben dem Eingang hält die Geschichte der Freundschaft fest.

Das exotische Gebäude war seit seiner Errichtung ein ganz besonderer Blickfang, geriet aber, wohl nicht zuletzt deshalb fast in Vergessenheit, weil es mehr und mehr von den umstehenden Bäumen verdeckt wurde. 2016 dann verkaufte das Unternehmen Ferrostaal, zu dem Fritz Werner nun gehörte, das Gelände an seinen Geschäftsführer, den aus Essen stammenden Dr. Klaus Lesker. Zu diesem Zeitpunkt befand sich das gesamte Ensemble in einem desolaten Zustand, der auch durch den Wildwuchs auf dem Gelände nur bei genauerem Hinsehen erkennbar war. Dr. Lesker beauftragte den Hattenheimer Projektleiter Joachim Destrée, den er seit längerem kannte, den Tempel, den Tee-Pavillon und das gesamte Areal in einen authentischen Zustand zu versetzen, um das Anwesen später für seine Firma DIAG zu nutzen. DIAG ist eine Nachfolgefirma des damals Beschenkten. Jahrzehnte hatte die Ferrostaal Industrieanlagen GmbH (FIA) ihren Firmensitz in der Industriestraße in Geisenheim. Da das Gebäude aus Gründen des Brandschutzes nicht mehr genutzt werden konnte und fast komplett abgerissen wurde, hatte das Unternehmen seinen neuen Hauptsitz im Frühjahr 2019 in eine schöne Villa mit Park in die Schwarzgasse in Winkel verlagert. Denn die Deutsche Industrieanlagen (DIAG) übernahm zum 1. Januar 2019 die Ferrostaal Industrieanlagen (FIA) mit Sitz im Rheingau. Mit dem Kauf der FIA verstärkte die DIAG-Gruppe ihre internationale Präsenz in den Bereichen Öl und Gas, erneuerbare Energien, Fördertechnik, Aufbereitung und Infrastruktur. „Damit bieten wir nicht nur zusätzliche, über Jahrzehnte gewachsene Expertise im Anlagenbau, sondern können nun, dank unserer Mitarbeiter, Großprojekte entlang der gesamten Wertschöpfungskette übernehmen – von der Projektidentifikation über Konzeption, Machbarkeitsstudien und Entwicklung bis hin zu Finanzierung und Umsetzung“, erklärte dazu Dr. Klaus Lesker, Managing Partner der Muttergesellschaft Deutschen Industrieanlagen GmbH (DIAG) damals. Über die 100-Prozentige FIA Tochter DIAG Industries würden sämtliche Neugeschäfte unter anderem in Algerien, Trinidad, Ghana, Mauretanien, Nepal, Singapur, Malaysia und Indonesien akquiriert. „Die DIAG verfügt als Industriedienstleister über jahrzehntelange Erfahrung in den Bereichen Öl und Gas, erneuerbare Energien, Mining und Infrastruktur. Als Generalunternehmer oder in Zusammenarbeit mit Joint-Venture-Partnern sondiert die DIAG Entwicklungschancen in ausgewählten Märkten, organisiert Partnerschaften und Kooperationen für Projektgeschäfte in aller Welt. Die Holdinggesellschaft unterstützt die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle und übernimmt Beteiligungen“, so auch Becker.

Und Dr. Lesker bemühte sich auch seitdem sehr um den Erhalt und die authentische Renovierung des in die Tage gekommenen burmesischen Tempels in Oestrich. Nicht zuletzt, weil auch dieses Gebäude für Tagungen, Firmengäste und Seminare der DIAG genutzt wird. „Wir haben ein großes Interesse, weiterhin im Rheingau in zentraler Anbindung an das Drehkreuz Frankfurt ansässig zu sein und aus der Region unsere internationalen Aktivitäten, insbesondere in den Bereichen Öl & Gas, Erneuerbare Energien, Mining und Infrastruktur auszubauen”, erklärte auch Benjamin Becker vor Ort bei der Begehung den Besuchern von der Rheingauer Tafel. Wie sehr man mit dem Rheingau verbunden ist, zeigte die DIAG mit dem Umzug in die Winkeler Schwarzgasse nicht zuletzt durch eine Mitgliedschaft in dem Verein „Wir für Winkel“, mit der es auch schon ein gemeinsames Projekt mit der Bemalung zweier Stromkästen mit der Tempelanlage gab.

Viel Geld und noch mehr Geduld und Bemühung hat Dr. Lesker in die behutsame Restaurierung der Tempelanlage bis heute gesteckt. Bis zum Jahreswechsel 2017 war das Gebäude nämlich zunächst von einer Privatperson für „gewerbliche Zwecke“ gepachtet worden und obwohl nicht genehmigt, hatte sich der Mieter dort auch wohnlich niedergelassen. Unter anderem errichtete er ein Carport für seine drei Autos. Dahinter türmten sich jede Menge Holz und Laubabfälle auf, um die sich niemand kümmerte. Dr. Lesker hatte dem Mieter zunächst fristgerecht gekündigt, worüber sich dieser „mächtig aufregte“ - was nachvollziehbar ist, da er dort bisher für ein Taschengeld leben konnte. Danach stellte Projektleiter Destrée fest, dass der größte Teil des Baumbestands stark von Fäulnis befallen war und somit die Gefahr bestand, dass Äste abbrechen oder ganze Bäume umstürzen könnten. Dies wurde auch von einen Baumsachverständigen im Mai 2017 bestätigt, woraufhin von der Unteren Naturschutzbehörde die Fällung genehmigt wurde. Diese Aktion sorgte dann für große, aber unberechtigte Empörung im Rheingau, denn Bäume, die unter Naturschutz stehen, waren nicht gefällt worden. In vielen Fotos war dokumentiert worden, dass die Bäume stark befallen waren und durch unkontrollierten Umsturz sowohl eine Gefährdung für Pavillon und Tempel wie auch für Personen bestand. Zusätzlich hatten das dichte Laubdach der Bäume dem Schieferdach der Gebäude zu schaffen gemacht: Hier hatte sich Moos durch die ständige Verschattung inzwischen bis zu 10 Zentimeter dick auf dem Südteil der Dachflächen gebildet, was das Dach über kurz oder lang erheblich beschädigt hätte. Es sei sehr bedauerlich, dass ein Teil des Baumbestandes nicht erhalten werden konnte, was ursprünglich geplant war. Dies sei aber unter anderem darauf zurückzuführen, dass der Park mindestens 15 Jahre lang nicht angemessen gepflegt wurde. Heute ist das gesamte Außengelände als wunderschöner, gepflegter Park hergerichtet und entsprechend verschönern Bäume, Rosen und Sträucher das Erscheinungsbild des gesamten Ensembles, das gut einsehbar ist.

Und nicht nur das, auch das Innere der Empfangshalle hat Dr. Klaus Lesker von einem Architekten und speziellen Teakholzschnitzern aus Myanmar restaurieren lassen. Mit der Renovierung des Pavillons ging dann auch die an das Umfeld angepasste Anlage eines neuen Parks einher, die sich heute als blühende Parklandschaft präsentiert. Einen hohen sechsstelligen Betrag hat Dr. Leser in den Erhalt des Anwesens gesteckt. Aufwendig wurden die mit Holzschnitzereien und edlen Steinen verzierten Fenster von außen saniert und im Innern die Türen, Lampen und die Giebel der Fenster erneuert und Teile ersetzt. Vor allem aber fallen dem Besucher sofort die wundervollen, bunten Wandmalereien auf, die den gesamten Raum in Deckenhöhe einnehmen. Sie laden dazu ein, tief in den historischen Alltag des einstigen Burma einzutauchen.

Von der prunkvollen Empfangshalle aus gelangt man durch eine reich verzierte Tür in einen kleineren, komplett neu und modern sanierten Bürobereich mit sanitären Anlagen und Personalräumen, in denen Benjamin Becker arbeitet. Hoch oben im Dachgeschoss gibt es in diesem gewerblich genutzten Teil des „Tempels“ noch einen Sitzungssaal mit modernster Technik für Tagungen und Seminare. Hier hatte der Gastgeber die sichtlich beeindruckten Besucher von der Rheingauer Tafel noch zu einem Umtrunk und Imbiss eingeladen. Mit einem großen Dank an Benjamin Becker für die interessante Führung und an Dr. Klaus Lesker für die Öffnung seines Anwesens für die ehrenamtlichen Tafel-Helfer ging der Besuch zu Ende und hinterließ ausschließlich Begeisterung bei allen Beteiligten.

Ein Bericht von Sabine FLadung vom 07.06.2026.

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