30 Prozent weniger Pestizide bis 2030

09.06.2023

Umweltministerin Priska Hinz stellte in Geisenheim den neuen Pestizidreduktionsplan des Landes Hessen vor

Geisenheim. (sf) Um die Artenvielfalt zu erhalten und Wasser und Böden zu schützen, ist es notwendig, den Einsatz von Pestiziden in der Landwirtschaft, aber auch in Kommunen und privaten Gärten zu reduzieren. Ein neu konzipierter Pestizidreduktionsplan des Landes Hessen soll jetzt den Weg aufzeigen, wie das gelingen kann. Umweltministerin Priska Hinz hat diesen Plan
rund 30 Pressevertretern aus ganz Hessen in der Hochschule Geisenheim und dem Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen vorgestellt. Zusammen mit Referentinnen des Landesbetriebs Landwirtschaft und der Hochschule Geisenheim University wurden den Vertretern von Zeitung, Funk und Fernsehen auch praktische Möglichkeiten für die Pestizidreduktion in Landwirtschaft, Garten- und Weinbau vorgeführt, darunter der Einsatz eines Hackroboters und die Ausbringung von Nützlingen.

„Bis 2030 sollen 30 Prozent weniger Pestizide in Hessen eingesetzt werden. Wir müssen den Pestizideinsatz auf den Äckern, aber auch in Gärten und kommunalen Grünflächen reduzieren, um die Artenvielfalt, unsere Ressourcen und damit auch unser Leben und unsere Zukunft zu schützen“, erklärte die Umwelt- und Landwirtschaftsministerin bei der Vorstellung des Pestizidreduktionsplan des Landes Hessen in der Gartenakademie in Geisenheim. Der vorgelegte Pestizidreduktionsplan zeige den Weg auf, mit dem das 30-Prozent-Ziel, das 2021 von Vertretern aus Landwirtschaft, Naturschutz und dem Land Hessen am Runden Tisch Landwirtschaft und Naturschutz beschlossen wurde, erreicht werden kann: „Die vorgesehenen Maßnahmen sind eine große Chance für Landwirte, aber auch für Kommunen oder Betriebe des Garten- und Landschaftsbaus sowie private Gärtner. Wir helfen dabei, sich für zukünftige Herausforderungen fit zu machen, europäische und nationale Zielvorgaben zu erfüllen und von Beratung und Förderung zu profitieren“, so die Ministerin. Insgesamt stünden über den Maßnahmenzeitraum 2023 bis 2028 rund zwei Millionen Euro zusätzlich zur Verfügung und die Beratungsteams in den beteiligten Behörden werden personell verstärkt.
Priska Hinz stellte die Maßnahmen, die im Pestizidreduktionsplan festgelegt sind, auch im Einzelnen vor: „Wir werden die Betriebe in Land- und Forstwirtschaft und Weinbau dabei unterstützen, neue Anbausysteme und alternative Verfahren zu etablieren“, erklärte die Ministerin. Der Pestizidreduktionsplan sieht dafür den Aufbau einer Schwerpunktberatung und eines Netzwerks von Modell- und Demonstrationsbetrieben vor. Betriebe sollen für entsprechende Demonstrationsvorhaben eine Förderung im Rahmen des Projekts „100 nachhaltige Bauernhöfe“ erhalten. Ab 2024 sollen kompetente Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner in Fragen der Pflanzenschutzmittelreduktion zur Seite stehen. Die landwirtschaftliche und gartenbauliche Schwerpunktberatung wird dabei am Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen angesiedelt, die weinbauliche Schwerpunktberatung am Regierungspräsidium Darmstadt. Unterstützt werden auch Kommunen und private Haus- und Kleingärtner: „Private Gärten und kommunale Grünflächen können sich zu Hotspots der Artenvielfalt entwickeln, wenn sie naturnah angelegt und ohne Pflanzenschutzmittel bewirtschaftet werden. Dabei unterstützen wir“, erklärte die Ministerin. Die Beratung übernimmt die Gartenakademie des Landesbetriebs Landwirtschaft Hessen.

Vor allem aber auch Betriebe im Hessischen Ried sollen intensiv beraten werden: „Das Hessische Ried stellt mit seinen komplexen und sensiblen Grund- und Oberflächenwassersystemen sowie seinen durchlässigen Böden einen besonderen Hotspot für Einträge schädlicher Spurenstoffe dar. Daher soll den hier wirtschaftenden Betrieben, zusätzlich zu den landesweiten Beratungsangeboten, eine Intensivberatung zur Pflanzenschutzmittelreduktion durch den Landesbetrieb Landwirtschaft angeboten werden!“. Und schließlich will man auch die Forschung stärken: „Im Rahmen eines Forschungsprojektes werden neueste technische Ansätze, die zu einer Reduktion von Abdrift führen können, sowie die Auswirkungen von Pflanzenschutzmittel-Anwendungen auf die Biodiversität untersucht. Die Ergebnisse sollen in die Beratung einfließen. Das Forschungsprojekt des Regierungspräsidiums Gießen wird mit Partnern wie dem Lore-Steubing-Institut für Naturschutz und Biodiversität und dem Zentrum für Artenvielfalt beim Hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie durchgeführt. Das Land investiert 200.000 Euro in das Forschungsvorhaben!“. Förderlandschaften sollen ausgebaut werden und für Betriebe in Hessen, die auf nachhaltigere Bewirtschaftungsformen mit weitgehendem oder vollständigem Verzicht auf die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln umstellen wollen, stünden schon jetzt vielfältige Förderprogramme zur Verfügung. Diese Förderlandschaft soll über die nächsten Jahre im Hinblick auf deren Wirkung auf Pflanzenschutzmittelreduktion evaluiert und im Anschluss zielgerichtet ausgebaut werden. „Wir lassen die hessischen Betriebe nicht alleine, sondern unterstützen. Unser gemeinsames Ziel ist es, dass es auch in Zukunft in Hessen fruchtbare Böden, sauberes Wasser und Artenvielfalt gibt. Denn das ist die Grundlage für die Produktion guter, gesunder, regionaler Lebensmittel“, betonte die Ministerin abschließend.

Um den Fortschritt bei der Pestizidreduktion messbar zu machen, wird ein Pflanzenschutzmittel-Beobachtungsnetz in Kooperation mit den berufsständischen Verbänden in Hessen etabliert. Die eingesetzten Mengen von Pflanzenschutzmitteln werden jährlich erhoben und durch das Regierungspräsidium Gießen bewertet. „Mit dem Aufbau des Netzes wird jetzt begonnen, 2024 sollen die ersten Daten erfasst und ausgewertet werden“, so die Ministerin. Der Pestizidreduktionsplan ist auch unter umwelt.hessen.de/landwirtschaft/pflanzenproduktion-und-schutz abrufbar.
Groß war die Freude natürlich auch bei den Gastgebern, dass das Hessisches Ministerium für Umwelt, Klimaschutz Geisenheim als Standort zur Präsentation des Pestizidreduktionsplan ausgewählt hatte. Die Leiterin der Hessischen Gartenakademie, Beate Reichhold-Appel, erläuterte den Pressevertretern, dass die Gartenakademie im LLH für den Nichterwerbsgartenbau in Kommunen und im Freizeitgartenbau zuständig sei. „Das Gärtnern ist für die Menschen enorm wichtig. Das, was ihnen wichtig ist, das Pflegen und Schützen sie mit sehr großem Aufwand. Pflanzenschutz im Hobbygarten ist deshalb sehr wichtig und die Gefahr ist ebenso groß, dass dabei auch schnell von den Menschen übertrieben wird. Wir von der Gartenakademie wollen dabei helfen, hier das richtige Maß zu treffen!“, erläuterte sie. Pflanzenschutz sei im Garten und in der Landwirtschaft essentiell. Pestizide seien dabei oft wirksam, aber für die Umwelt und die Menschen eine Gefahr. „Unser Ziel ist es deshalb, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Der Landesbetrieb Landwirtschaft Hessen (LLH) arbeitet daran in allen drei seiner Fachabteilungen. Das sind die Abteilungen Beratung, Bildung und Fachinformation!“. Zur Beratung würden Beratungsteams aus Pflanzenbau, Gartenbau und Ökolandbau gehören, die vor Ort mit den Betriebsleitungen besprechen, wie der Pflanzenschutz mit möglichst wenig Pestiziden optimiert werden kann. In der Fachinformation würden Versuche durchgeführt an den Standorten in Bad Hersfeld (Eichhof), Frankenhausen in Nordhessen und Nieder-Weisel in der Wetterau und Geisenheim. Hier hatte auch Herr Schorn zur Fachinformation Gartenbau informiert. Verwiesen wurde auch auf das Gartentelefon mit einer Beratung täglich von 9 bis 11 Uhr sowie Mittwochnachmittag. Auch der Pflanzendoktor mit Diagnosen von Pflanzenkrankheiten, zum Beispiel auf Pflanzenmärkten oder Veranstaltungen, könne weiterhelfen. Zudem gibt es Lehrgänge zu aktuellen Themen wie „Erkennen und Förderung von Nützlingen“, Fachwartausbildungen für Obst und Garten oder Bildungsurlaubsangebote wie „Nachhaltig Gärtnern". „Darüber hinaus kümmert sich die Gartenakademie auch darum, Mitarbeitende in den Kommunen, zum Beispiel Bedienstete der Bauhöfe, zu schulen wie zum Thema „Öffentliches Grün". Die Arbeit wird in der Hessischen Gartenakademie von insgesamt acht Dozenten und zwei Verwaltungskräften bewältigt, die in Hessen an den Standorten Kassel, Wiesbaden und Geisenheim tätig sind.

Von der Hochschule Geisenheim hatte die Vizepräsidentin Forschung Prof. Dr. Annette Reineke von der Institutsleitung die Gäste begrüßt und betont, dass man sich an der Hochschule freue, dass dem Weinbau bei der Reduktion des Pestizideinsatzes ein besonderer Stellenwert zukomme. Rund 18 Anwendungen von Pflanzenschutzmitteln gegen Schaderreger gäbe es im Weinbau. „Der Anteil der Rebfläche an der landwirtschaftlichen Fläche in Deutschland beträgt nur 0,6 Prozent, auf dieser werden allerdings geschätzt rund 20 Prozent der im Land eingesetzten fungiziden Wirkstoffe appliziert. Ähnliche Zahlen gelten für die gesamte europäische Rebfläche. Damit kommt der Entwicklung neuer Verfahren für den Pflanzenschutz, die aber gleichzeitig auch die Wirtschaftlichkeit der Betriebe sichern, eine besondere Bedeutung zu. Und sie sind daher auch ein wichtiger Bestandteil der Forschung an unserer Hochschule Geisenheim, um Strategien für eine nachhaltige und lebenswerte Zukunft zu schaffen!", sagte sie. So zahle die Forschung am Standort Geisenheim durch verschiedene Ansätze direkt auf die Ziele des Hessischen Pestizidreduktionsplans ein: „nicht nur im Wein, sondern auch im Obstbau“. Denn zu den Strategien für einen reduzierten Pestizideinsatz, an denen Geisenheimer Wissenschaftler arbeiten würden, gehörten auch die Erarbeitung von Verfahren zur gezielten Freilassung biologischer Gegenspieler wie Schlupfwespen sowie zur Optimierung des Einsatzes mikrobieller Antagonisten unter Freilandbedingungen. „Die Züchtung von resistenten oder toleranten Sorten, die besser an einen Befall mit Schaderregern angepasst sind, leistet ebenso wie die Entwicklung einer innovativen Applikationstechnik für die gezieltere Ausbringung von Pflanzenschutzmitteln einen wichtigen Beitrag zur Erreichung des Ziels eines verminderten Pestizideinsatzes!“, erläuterte sie. Die Forschungsarbeiten zur Diversifizierung der Anbausysteme von Sonderkulturen würde zudem dazu beitragen, die sogenannten Ökosystemleistungen eines Anbausystems effizient auch für neue, pestizidreduzierte Wege im Pflanzenschutz zu nutzen!.

Konkrete Möglichkeiten zur Reduzierung und Substitution kupferhaltiger Pflanzenschutzmittel im ökologischen Weinbau stellte Prof. Dr. Beate Berkelmann-Löhnertz vor Ort vor. Unter ihrer Leitung arbeitet ein interdisziplinäres Konsortium im Verbundprojekt VITIFIT an unterschiedlichen Ansätzen zur Eindämmung des aggressiven Schadpilzes Plasmopara viticola. Durch die Nutzung pilzwiderstandsfähiger Rebsorten kann der Kupfereinsatz demnach um bis zu 80 Prozent reduziert werden, durch den Einsatz von mikroverkapselten Kupfersalzen um mindestens ein Drittel. „Neben Kupfer können auch andere Wirksubstanzen verkapselt und durch die damit verbundene längere Verweildauer auf dem Laub in reduzierter Menge eingesetzt werden. Daher sind Mikrokapseln auch bei der angestrebten Verminderung organisch-synthetischer Fungizide im integrierten Weinbau von Interesse“, so Prof. Dr. Beate Berkelmann-Löhnertz. Ähnlich hoch wie die Wirkung der verkapselten Kupfersalze sei im Versuchsweinberg die von stilbenhaltigen Rebholzextrakten, so die Wissenschaftlerin. Im Versuchsweinberg findet als flankierende Maßnahme darüber hinaus die UVC-Technologie zur direkten und indirekten Kontrolle pilzlicher Schaderreger der Rebe Anwendung. Das Verbundprojekt VITIFIT wird gefördert durch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft aufgrund eines Beschlusses des Deutschen Bundestages im Rahmen des Bundesprogramms Ökologischer Landbau.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 09.06.2023.

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