Wer mehr liebt, der muss mehr leiden

15.12.2021

„Ssälawih“: Ulrike Neradt feierte mit Kurt Tucholsky-Revue in der Brentanoscheune das Leben, so wie es ist

Winkel. (sf) Es ist immer wieder ein Fest, sie zu erleben: Ulrike Neradt ist ein „Tausendsassa“ und erstaunt immer wieder mit unglaublich vielfältigen, heiteren und durchaus anspruchsvollen Programmen. Die Etiketten „letzte deutsche Weinkönigin aus dem Rheingau“ und Fernsehmoderatorin beim „Fröhlichen Weinberg“ braucht sie dabei längst nicht mehr, vielmehr hat sie als Chansonette und Kabarettistin weit über den Rheingau hinaus einen erstklassigen Ruf, der auch in Zeiten der Corona-Pandemie viele Gäste anlockt. Unter Beachtung aller geltenden Regeln erlebten sie so einige ihrer Fans wieder einmal auf Einladung des Vereines „Kulturhölle“ mit ihrem künstlerischen Leiter Adi Seitz von „Kultur für Kurze und Lange“ auf der Bühne der Brentanoscheune. Und hier verzauberte sie dann auch von Anfang an mit der „vermeintlich leichten Seite“ von Kurt Tucholsky. „Ssälawih“ war der für die Mundartspezialistin typische Titel der Revue und Ulrike Neradt feierte mit Kurt Tucholsky das Leben, so wie es ist. Denn gleich zu Beginn musste sie bekannt geben, dass ihr Mitstreiter auf der Bühne, Klaus Brantzen, mit einer Grippe im Bett liegt und sie deshalb auch den Part des Erzählers zu übernehmen hatte: „So ist das Leben!“. Doch scheinbar kein Problem für die gestandene Martinsthalerin, die ein Geheimnis gegen das Altern zu kennen scheint. In bester Spiellaune nahm sie die dankbaren Gäste mit in die Welt des 1935 verstorbenen Journalisten und Schriftstellers, der auch unter den Pseudonymen Peter Panter und Theobald Tiger schrieb und sich selbst als linken Demokraten sah. Seine Gedanken schoss Ulrike Neradt dann auch wie ein Feuerwerk auf der Bühne ab und das scharfzüngige, kraftvolle und provokante des wortsicheren und brillanten Journalisten der Weimarer Republik lag ihr spürbar. Wie die Überlegungen zum Thema Frau und Mann, die von hinten noch recht gleich aussehen mögen, was sich schnell ändert, wenn man sie von vorne betrachtet. Im „Mensch als Aufsatz" meint Tucholsky: "Der Mensch hat zwei Teile, der männliche, der nicht denken will, und der weibliche, der nicht denken kann". Und dieser Aufsatz endet dann mit der heute noch hochaktuellen Erkenntnis, dass es außer Menschen auch noch Sachsen und Amerikaner gibt. Und manchmal gebe der Mensch tatsächlich Ruhe, aber dann sei er tot.

Mit Wiedererkennungswert auch die Gedanken zu „Familie“: „Fang nie was mit Verwandtschaft an, sieh lieber dir `ne fremde Landschaft an". Der charakteristisch sichere Zeitgriff Tucholskys, seine überlegenen Pointen, die versierte Refrain-Technik und sein ausgeprägtes Gefühl für Sprachrhythmus und Melodie wirken eben auch heute noch, wie die begeisterten Reaktionen des Publikums in der Brentanoscheune zeigten. Und Ulrike Neradt hatte diebischen Spaß daran, die heiteren und frechen Texte, die Songs und Lieder von Kurt Tucholsky zu präsentieren. Dabei war ihr Pianist Jürgen Streck ein sehr feinfühliger Begleiter an den Tasten und gab der Musik von Hanns Eisler, Friedrich Hollaender oder auch Kurt Tucholsky selbst die entsprechende Ausdruckskraft. Durch die Luft schwangen Worte, Noten und Wortspiele, viele davon recht schonungslos: „Männer, die Wert auf Weiber legen, tun dies meistens nur der Leiber wegen."

Die literarischen Gedichte, Liebeslieder, kessen Balladen und Chansons brachte Ulrike Neradt augenzwinkernd und manchmal keck, anziehend und manchmal anzüglich zum Besten. Wie aus dem „Deutschen Mann": darin vergleicht eine Frau ihren Mann mit einem attraktiven Fremden, kommt aber doch zur Erkenntnis: "Wenn man die Männer näher kennt, legt sich das mit dem Happyend". Und längst nicht nur die schönen Seiten des Lebens stehen im Mittelpunkt: Als zärtlicher Frauenheld singt Tucholsky auch ein Lied auf die Trauer, die in aller Liebe beschlossen ist: Mit heiterer Melancholie und graziöser Skepsis warnt er vor ihr, sehnt sich nach ihr, fühlt sich von ihr bedroht und versucht und versteht nicht – und versteht sie doch, die Liebe: „Denn wer mehr liebt, der muss mehr leiden.“ – „Ssälawih, so ist das Leben!"

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 15.12.2021.

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