Ein Haus voller Bilder, Geschichten und Wissenswertem

24.08.2021

Das Struwwelpeter-Museum in der Frankfurter Altstadt ist mit neuer Apitz-Ausstellung einen Besuch für große und kleine Leute wert/Inklusiver Betrieb

Frankfurt. (sf) „Der hat ja lange Fingernägel, Mama. Warum?“ - Wer kennt ihn nicht: der Struwwelpeter ist auf der ganzen Welt nicht nur Kindern ein Begriff, selbst in Asien hat er einen eigenen Namen und politisch ist er bis heute in Sachen Satire unterwegs und muss schon mal als „Struwwel-Trump“ in Karikaturen herhalten. Mit dem berühmten Jungen mit den langen Fingernägeln und dem struwweligen Haar und seinen Freunden Zappelphilipp und fliegender Robert und Co. schuf der einheimische Arzt Dr. Heinrich Hoffmann mit dem „Struwwelpeter“ einen weltberühmten Klassiker der Kinderliteratur.
Die Geschichte des Struwwelpeters entstand im Jahr 1844 und war ursprünglich als ein Weihnachtsgeschenk für seinen ältesten, damals dreijährigen Sohn Carl Philipp gedacht. Die beigefügten Federzeichnungen dazu hatte er aus eigener Hand hergestellt. Doch es kam alles ganz anders: Der Struwwelpeter markierte den Anfang von Hoffmanns „zweiter Karriere“ als Schriftsteller. Zunächst wurde die Geschichtensammlung 1845 unter dem Namen „Lustige Geschichten und drollige Bilder für Kinder von 3–6 Jahren“ in der Literarischen Anstalt Rütten, Frankfurt, mit 3.000 Exemplaren veröffentlicht, mit der vierten Auflage im Jahre 1847 dann aber in „Struwwelpeter“ umbenannt. Doch auch die anderen Geschichten, die das Buch bereithält, haben sich im Laufe der letzten Jahrhunderte als Klassiker der deutschen Kinderlektüre mit dem gewissen Schuss an Skurrilität etabliert. Etwa die Geschichten vom Daumenlutscher, vom Suppen-Kaspar, vom Zappel-Philipp oder vom Hans Guck-in-die-Luft.

Was es alles über den bösen „Schlingel, der sich die Welt erobert hat“, wie Hoffmann die Hauptfigur seines erfolgreichsten Werkes selbst beschrieb, und ihren vielseitigen Verfasser zu erfahren gibt, vermittelt das wunderbar konzipierte Struwwelpeter-Museum in der Frankfurter Altstadt zum kleinen Eintrittspreis: Nicht nur Kinder erfahren in dem herrlich restaurierten Haus, in dem einst Goethes Tante Elba gelebt hatte und von dessen Fenstern aus der Dichterfürst in „Dichtung und Wahrheit“ das Treiben auf dem Hühnermarkt beschrieb, spielerisch mit vielen Mitmach-Angeboten wie Struwwelpeter, Paulinchen und der Suppenkasper die ganze Welt eroberten. Auch Erwachsenen hat das Museum hochinteressante Einblicke in die Kinderliteratur, die es bis aufs heutige politische Parkett geschafft hat, und zur Kulturgeschichte der Entstehungsjahre und des Lebens des Erfinders Dr. Hoffmann, der von 1809 bis 1894 in Frankfurt lebte, zu bieten und erweitert den Blick in die Zeit des Vormärz und der Entwicklung der Psychiatrie. Dafür zahlt man gerade mal 7 Euro Eintritt, ermäßigt nur 3,50 Euro, den Preis, den auch Kinder ab 6 Jahren zahlen. Eine Familienkarte kostet 19 Euro.

Viele Jahre war das Struwwelpeter-Museum in einer Westend-Villa mit Wechselausstellungen untergebracht. Im Frühjahr 2019 schloss das Museum im Westend seine Pforten, um sich auf einen ganz besonderen Schritt vorzubereiten: Den Umzug in die neue Altstadt auf nun fast 600 Quadratmeter, fast doppelt so viele wie in dem alten Museum. „Wir haben die Ausstellung ganz neu konzipiert und vor allem auch schon für kleine Kinder die Geschichten, die bereits ihre Großeltern und Urgroßeltern faszinierten, spielerisch erfahrbar gemacht“, erklärt Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg. Wie viel Spaß sie dabei selbst hat, zeigt sich beim Rundgang mit der Museumsleiterin, die auf alle verstecken Details aufmerksam macht wie die Unterbringung der vorgeschriebenen Feuerlöscher: alle bewacht von einer der beiden Katzen, die Paulinchen in dem Kinderbuch mit „Miau-Mio“ vor dem Feuer warnen. Zwei Jahre hat sie mit einem Fachunternehmen die neue Ausstellung für das Struwwelpeter-Museum im Melber-Haus zusammengestellt und was dabei herausgekommen ist, fesselt Kinder wie auch Erwachsene, die hier ganz neue Seiten des Struwwelpeters und seines Erfinders entdecken können. 175 Jahre nachdem der Frankfurter Arzt und Psychiater Heinrich Hoffmann den „Struwwelpeter“ für seinen Sohn erfand, wurde das neue Museum in der wieder aufgebauten Altstadt im September 2019 in einem feierlichen Festakt von Oberbürgermeister Peter Feldmann wiedereröffnet. Und es ist nicht nur die weltweit größte Sammlung von Exponaten zu dem Bilderbuchklassiker. „Das neue Museum steckt voller Geschichten zum Entdecken. Es ist ein Ort zum Lernen, Spielen, Nachdenken und zum ins Gespräch kommen für alle Generationen“, so Beate Zekorn-von Bebenburg, die seit fast 30 Jahren das Struwwelpeter-Museum leitet. Sie freut sich, wenn Eltern und Kinder zum Beispiel am nachgestellten Tisch der Familie Hoffmann das wunderschön bebilderte Spiel „In 70 Tagen um die Welt“ gemeinsam spielen und verrät dem kleinen Mädchen mit den braunen Locken, das gegen seine Mama gerade gewonnen hat, dass Dr. Hoffmann dieses Spiel für seine Kinder erfunden und gemalt hat und das der Sieger sich für einen Tag „Fixus“ nennen darf und auch bestimmen darf, was die Erwachsenen für ihn tun müssen. Kinder können auch mit Hilfe eines Struwwelpeter-Quiz, Spielen und Spielgeräten aus jener Zeit, und außerhalb von Corona auch mit Paulinchen- oder Struwwelpeter-Kostümen und Masken zum Ausprobieren, Workshops und anderen Angeboten in die Welt des Charakters „Struwwelpeter“ eintauchen. In Mitmachprogrammen werden Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter spielerisch und altersgerecht an die Ausstellung, das Buch und seine Themen wie etwa Aggressionen, Essenskonflikte, Widerstand gegen Autoritäten oder Tagträumereien herangeführt.

Im Mittelpunkt steht natürlich die große Erfolgsgeschichte des Buches, von dem mehr als 35 Millionen Exemplare allein auf Deutsch gedruckt wurden. Und man erfährt, dass Struwwelpeter mehr als 40 Sprachen und 80 deutsche Dialekte „spricht“. Verblüffend viele Imitationen, Karikaturen und Parodien hat er hervorgerufen, von denen es auch etliche Beispiele in der interaktiven Ausstellung zu sehen gibt. Davon zeugen zum Beispiel die ausgestellten afrikanischen, chinesischen und rätoromanischen Übersetzungen des Klassikers. Und natürlich eckt die dem Werk innewohnende Pflege von rigiden und autoritären Erziehungsmethoden bei vielen Lesern bis heute gehörig an und hat bei den kleinen Lesern bestimmt schon so manchen nächtlichen Albtraum erzeugt. Mit der Beschreibung eines Jungen, der von nichts und niemandem Befehle empfangen will, hat Hoffmann in seinen so beliebten wie auch umstrittenen Bildergeschichten scheinbar ein Thema gefunden, das etwas Universelles in den Menschen anspricht, wie die vielfältigen Interpretationen bis heute und bis hin zum Musical oder Theaterstück beweisen. In Anlehnung an das Original entstanden zahlreiche Umschreibungen und Weiterentwicklungen des Stoffs, darunter auch einige kritische Betrachtungen. Seltene Buchexponate, Kitsch und Kunst oder eben auch Parodien sprechen die Besucher jeden Alters an. Auch Oberbürgermeister Feldmann unterstreicht die Bedeutung Heinrich Hoffmanns und seiner berühmtesten Schöpfung für Frankfurt: „Der Struwwelpeter gehört zum Frankfurter Kulturerbe. Der Struwwelpeter ist wie Frankfurt: Etwas widerborstig, aber mit dem Herz am richtigen Fleck.“

Zu diesem beliebten Frankfurter gibt es in dem Museum unendlich viel auf die verschiedensten Arten zu entdecken: neben den beeindruckend vielen Exponaten des Struwwelpeter aus vielen Jahrzehnten gibt es historische Verfilmungen oder auch digitale Stationen und Spiele, mit denen man interaktiv in die Welt des Struwwelpeter eintauchen kann oder im Obergeschoß sogar ein reales Spielzimmer mit neuen und historischen Spielsachen und Büchern zum Vorlesen und Angucken.
Und auch über Heinrich Hoffmann selbst erfährt man Verblüffendes: In Porträts, Briefen, Skizzen und Erstausgaben wird Heinrich Hoffmann als Autor und Illustrator, Psychiatriereformer, politisch interessierter Bürger, liebevoller Familienvater und überzeugter Frankfurter präsentiert. Über vier Stockwerke sind auch die Erwachsenen eingeladen, anhand von Büchern, Manuskripten, Bildern, Skizzen und Briefen – von denen manche einen Teil des Nachlasses Hoffmanns ausmachen – das Leben und Werk des Autors, einer schillernden Persönlichkeit des 19. Jahrhunderts, zu ergründen. Die Faszination der Person Heinrich Hoffmann liegt in ihrem Facettenreichtum. Hoffmann war nicht nur ein renommierter praktischer Arzt und Reformer der Psychiatrie, der ab 1851 die Frankfurter „Anstalt für Irre und Epileptische“ leitete und eine psychiatrische Modellklinik in Frankfurt bauen ließ, sondern engagierte sich auch als liberaler Demokrat in zahlreichen bürgerlichen Vereinen und repräsentierte im Vorparlament der Paulskirche im Zuge der Revolution von 1848 die Stadt Frankfurt. Er war also in verschiedenen Bereichen äußerst erfolgreich umtriebig. Er hatte noch mehr auf Lager als „nur“ Kinderliteratur. Auch in der „ernsten“ Literatur liebte er die Abwechslung und nahm sich alle Freiheiten, mit den festen Vorstellungen der damaligen Zeit zu spielen. Unter solch einfallsreichen Pseudonymen wie Heulalius von Heulenburg, Reimerich Kinderlieb, Peter Struwwel oder Polycarpus Gastfenger verfasste er auch romantische Gedichte, zeitkritische Komödien und schwarze Satiren für Erwachsene. All diese Facetten Hoffmanns werden in der Ausstellung im Struwwelpeter-Museum gebührend und ausführlich beleuchtet.

„Dr. Hoffmann hat zeit seines Lebens immer gemalt und alles, was er erlebt hat, porträtiert“, erklärt die Museumsleiterin und zeigt kleine Originalzeichnungen, in denen Hoffmann eine Prüfung in der Uni mit schlafendem Professor oder den Urlaub mit der Ehefrau, die vor dem Sonnenstich warnt, aufmerksam skizziert. Diese Eigenschaft, alles in Skizzen fest zu halten, teilt ein Künstler von heute mit Dr. Hoffmann: auch der Rheingauer Maler, Comic-Zeichner und Karikaturist Michael Apitz ist seit frühester Jugend bekannt dafür, alles zeichnerisch fest zu halten. Das mündete sehr früh schon in den „Karl-Comics“, die Apitz weltbekannt gemacht haben und in deren Band „Die Krönung“ Michael Apitz beim Frankfurt-Besuch seiner Rheingauer Spätlesereiter-Helden auch dem Struwwelpeter ein Denkmal setzt. Das wiederum hat Museumsleiterin Beate Zekorn-von Bebenburg entdeckt und Michael Apitz angesprochen. Denn die neuen Museumsräume bieten jetzt im 2. Obergeschoß auch Raum für Sonderausstellungen. Und da das beliebte Kostümieren, das sonst hier untergebracht ist, wegen Corona leider wegfallen muss, präsentiert Michael Apitz seit ein paar Wochen und noch bis Ende des Jahres einige seiner Arbeiten unter dem Motto „ADLER, KARL und STRUWWELPETER – Die Comicwelten des Michael Apitz“ im Struwwelpeter-Museum.

Bekannt wurde der Rheingauer Künstler Michael Apitz vor über 30 Jahren, als sich sein Comic aus dem Rheingau anschickte, der deutsche Asterix genannt zu werden. Mit viel Lokalkolorit, interessanten Informationen zum Weinbau und einer großen Portion Humor erzählte er als Zeichner mit den Textern Patrick und Eberhard Kunkel über insgesamt zwölf Alben hinweg die Abenteuer von „Karl, dem Spätlesereiter“, die sich in der damaligen Zeit über 800.000 mal verkauften. Doch in Frankfurt und Umgebung ist Apitz vielen Menschen auch und vor allem durch seine Eintracht-Comics bekannt. Im August 2007 startete unter dem Titel „IM ADLER-OLYMP“ die erste Eintracht-Comic-Serie von Michael Apitz im Stadionheft der SGE. Die Geschichten rund um seinen Herzensverein entwickelte Apitz gemeinsam mit dem damaligen Medienbeauftragten der Eintracht, Michael Feick. Die Serie wurde regelmäßig fortgesetzt bis zum Bundesliga-Saisonende 2012. Es folgte im Anschluss „IM HERZEN VON EUROPA“ in der HEIMSPIEL-Beilage der Frankfurter Rundschau. SCHWARZ-WEISS erzählt die Geschehnisse rund um die „launische Diva vom Main“ aus Sicht zweier hartgesottener Fans. Andi + Mike, echte Frankfurter Buben, erleben Dinge, die vielen Eintracht-Anhängern sicher sehr bekannt vorkommen. Michael Apitz zeichnete diese Geschichten für das Online-Magazin SGE4EVER. Seit 2016 zeichnet Michael Apitz auch wieder direkt für Eintracht Frankfurt. Er illustriert mit dem ADLERGEBABBEL hessische Reime und Sprüche zum aktuellen Spieltag. Und der Societätsverlag veröffentlichte das „Adler-Malbuch“ und „Adlerträger“, die Eintracht-Chronik für Fans.

Am 29. Juni wurde die Ausstellung im Struwwelpeter-Museum im illustren, kleinen Kreis vorgestellt. „Nach dem langen Lockdown gab es eine kurzweilige und fröhliche Vernissage mit meinem Freund, dem Comedian Henni Nachtsheim von „Badesalz““, erzählt Michael Apitz dem Rheingau Echo vor Ort im Museum. Nachtsheim ist auch Mitautor des gemeinsamen Buches „Adlerträger“ und vieler weiterer Projekte. „Mit dabei war auch Kabarettist Jürgen Leber, er glänzte in seiner durch die HR-Fastnachtssitzung bekannten Paraderolle als Struwwelpeter, der Paninibilder zur EM kommentiert und als Laudator sprach der Comicexperte Dr. Alex Jakubowski, freier Journalist und Reporter bei ARD aktuell“, so Apitz. Selbst Eintracht Frankfurts „Fußballgott“ Alex Meier kam eigens zur Eröffnung und sei begehrter Fotopartner gewesen.

Zu sehen sind auch die im Frühjahr 2019 entstandene Bilderreihe „HollywoodWineMoments“ für den „Ball des Weines“ im Kurhaus Wiesbaden. Für diese ganz speziellen „Wein-Momente“ hat der vielseitige Künstler in der Filmkiste gekramt und auf seine eigene Art berühmte Sequenzen aus Hollywoods Filmgeschichte als Karikaturen in Szene gesetzt. Seinen Zeichnungen fügte Apitz jeweils noch einen Wein hinzu – so kommt es zu ganz neuen Interpretationen der Situation. Speziell für die Struwwelpeter-Ausstellung tauschte er bei den beliebtesten Motiven den Riesling durch Ebbelwoi.

Passend dazu gibt es auch ein Stück Rheingau zum Mitnehmen: die neue Weinedition des Struwwelpeter Museums ist ein erlesener Riesling des Weinguts Diefenhardt aus Martinsthal mit einem exklusiv für das Museum von Michael Apitz gestalteten Etikett. Dieser Tropfen ist ab sofort im Museumsshop erhältlich, denn im Erdgeschoss lädt ein schöner Museumsshop auch solche Besucher dazu ein, dem Struwwelpeter Museum einen Besuch abzustatten, die sich nicht die Ausstellungen ansehen möchten. In dem Shop gibt es von Struwwelpeter-Tassen über lustige Magneten und Struwwelpeter-Quietsche-Enten bis hin den verschiedenen Struwwelpeter Ausgaben tolle Souvenirs zu kaufen

. Ganz im Sinne der Profession Hoffmanns und seines Lebens als Psychiatriereformer ist auch das integrative Konzept des Museums: In dem Museum werden in Kooperation mit der Frankfurter Werkgemeinschaft Menschen mit und ohne Beeinträchtigung arbeiten. Der heutige Museumsträger – die 1967 gegründete Frankfurter Werkgemeinschaft e.V. – ist ein Sozialwerk für psychisch erkrankte Menschen und setzt den reformpsychiatrischen Ansatz Hoffmanns mit modernen Mitteln fort. So unterhält der Verein im Museumsgebäude eine Werkstatt für psychisch Kranke und bietet Reha-Arbeitsplätze an.
Wer aus dem Rheingau mit dem Auto anreist, findet im Parkhaus Dom / Römer in der Domstrasse 1 ausreichend Parkplätze in unmittelbarer Nähe des Museums. Bahnreisende kommen mit den U-Bahn-Linien U4 und U5 zur Station Dom / Römer Im Internet findet man Informationen unter www.struwwelpeter-museum.de.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 24.08.2021.

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