2500 Weine unter den Hammer gebracht

06.03.2021

Prof. Dr. Leo Gros gibt den Eberbacher Versteigerungshammer nach 25 Jahren weiter und blickt zurück auf 57 Weinauktionen im Kloster Eberbach

Rheingau. (sf) Ihn muss man eigentlich im Rheingau niemanden mehr vorstellen: Prof. Dr. Leo Gros aus Johannisberg ist Chemieprofessor, Weinkenner, Ur-Rheingauer, Autor, Mundartspezialist, Fastnachter und ein international bekannter Weinversteigerer bei den großen Auktionen im Kloster Eberbach. „Du musst brennen für das, was du in anderen Menschen entzünden willst.“, dieses Augustinus zugeschriebene Zitat ist Leo Gros Leitmotiv und das lebt er auch auf allen Bereichen, ob Wein, Chemie oder Heimat.
Geboren 1951 in Eltville am Rhein, studierte Gros Chemie an der Johannes-Gutenberg-Universität, Mainz, und promovierte dort bei Prof. Dr. Helmut Ringsdorf. Ab 1981 war er Dozent an der damaligen Chemieschule Fresenius, deren Leitung er 1987 übernahm. Von 1992 bis 2016 war er Professor an der Hochschule Fresenius mit den Schwerpunkten Analytik und Polymere, von 1997 bis 2013 deren Vizepräsident, insbesondere verantwortlich für die internationalen Beziehungen.

Der glücklich verheiratetet Vater von Zwillingssöhnen und dreifache Opa ist Mitglied des Hochschulrats der Hochschule Fresenius und Group Leader Standing Committee Quality Standards in Teaching der ECTN (European Chemistry Thematic Network Association). Er gehört auch dem Beirat der Gesellschaft für Geschichte des Weines an und dem Beirat im Verein zur Förderung des Historischen Weinbaus im Rheingau. Zahlreiche Publikationen zur Kunst-, Kultur- und Weingeschichte und in der Mundart des Rheingaus stammen aus seiner Feder. Seit 1995 ist er Auktionator der VDP-Weinversteigerungen im Kloster Eberbach und hat sich hier mit seiner besonderen Mischung aus fundiertem Fachwissen, internationalen Kenntnissen und feinem Humor in 25 Jahren einen legendären Ruf in der Weinwelt geschaffen. Jetzt übergab er bei der VDP-Frühjahrsweinversteigerung heute, am Samstag, den 6. März den Hammer des Auktionators an seinen Nachfolger Ulrich Allendorf und sprach mit dem Rheingau Echo über seine ereignisreiche Zeit als Weinversteigerer in Kloster Eberbach.

Rheingau.de: Herr Prof. Dr. Gros, 25 Jahre waren Sie weltweit als der Weinauktionator im Rheingau bekannt, jetzt geben Sie den Stab weiter- komm da Wehmut auf?

Prof. Dr. Leo Gros: Mit 70 Jahren und nach 57 Eberbacher Versteigerungen, anfänglich waren es vier im Jahr, mit fast 2500 Weinen unterm Hammer blicke ich eher demütig als wehmütig zurück. Ein jegliche Ding hat seine Zeit!

Rheingau.de: Wie kamen Sie einst zu dem Amt? Wer war Ihr Vorgänger? Welche Traditionen stehen hinter den großen Weinauktionen im Kloster Eberbach?

Leo Gros: Der VDP hatte 1994 vor, die Versteigerung internationaler zu gestalten. Leider scheiterte mein erfahrener und humorvoller Freund Michael Broadbent von Christies dabei heftig – er konnte kein Deutsch, das Mikrofon streikte, und die gnadenlosen Schnudedunker wollten meinen geschätzten Vorgänger Eberhard von Oetinger, der 33 Jahre den Hammer geschwungen hatte, wiederhaben. Nach dieser Erfahrung wollte der VDP für 1995 einen jüngeren Auktionator, der „aaner von uns“ und der Rheingauer Mundart mächtig sein sollte. So kam der VDP, genauer gesagt mein Freund Stefan Ress, darauf, mich zu fragen. Der legendäre Weinbaron wollte nach 33 Jahren im Amt gern noch bis zu seinem 80. Lebensjahr weitermachen. Im Gespräch mit ihm und Dr. Karlheinz Zerbe, damals Chef der Staatsweingüter, schlug ich vor, einen fließenden Übergang zu machen – bei der Frühjahrsversteigerung im Mai 1995 könnte ich „hospitieren“, den einen oder anderen Wein selbst unter den Hammer nehmen – und dabei vom Weinbaron lernen. Seit der nassauischen Zeit im Rheingau, 1806, nach der Säkularisierung von Kloster Eberbach, gab es dort Versteigerungen. Ich hatte also Grund, vor dieser Aufgabe gehörigen Respekt zu haben. Das Rheingau Echo griff damals übrigens die Information auf, dass ich als Schüler mein Taschengeld als Brötchenbub bei den Versteigerung aufgebessert hatte. Dabei hatten mir die jugendlichen Ausschenker nebenbei immer mal ein Pröbchen eingeschenkt.

Rheingau.de: Was war damals Ihre Intention? Hatten Sie vorher schon Wein-Erfahrungen?

Leo Gros: Soweit mit Intention Absicht gemeint ist: Keine, denn ich hatte mich ja nicht um die Aufgabe beworben. Soweit die Wortherkunft gemeint ist – intendere - sich angespannt auf etwas hinstrecken – schreckte ich zurück, bat um Bedenkzeit. Es war unter anderen mein Freund Günther Ringsdorf, der mir zuriet: Du kannst das. Als ich zugesagt hatte, wollte ich es möglichst gut machen – die Weingüter, unsere wunderbaren Weine und das treue Publikum der Versteigerungen verdienten das.

Natürlich war ich mit Wein aufgewachsen. Mein Weinwissen hatte beim Probieren mit meinem Großvater begonnen, der ein eifriger Versteigerungsbesucher war – ich habe noch Notizen von ihm. Angeblich habe ich als Vierjähriger mit ihm im Weingut Offenstein in Eltville den ersten Wein „probiert“ – und dabei mit dem Fingerchen geprüft, ob am Boden des Glases nicht noch ein Rest übrig war. Zu seinem 75. Geburtstag probierten wir einen noch sehr frischen 1915er – als der in die Flasche kam, war er für heutige Verhältnisse stark überschwefelt gewesen. In der Familie tranken wir aus seinem Bestand jahrelang einen 1959er Eltviller Sonnenberg Spätlese zu Weihnachten und schauten ihm sozusagen beim Reifen zu, bis der Vorrat nach 35 Jahren zu Ende ging. Da war der eher nicht so säurereiche Wein, wie Agi Ress augenzwinkernd sagt, „feinstgezehrt“. Als Chemiker habe ich im Studium den heiß umkämpften Laborkurs Weinchemie gemacht. In Frankreich und Spanien lernte ich bei Sprachkursen neue Weintypen kennen. Viel verdanke ich den Kolleginnen und Kollegen der Hochschule Geisenheim, mit einigen von ihnen betreute ich Diplomarbeiten zur Wein- und Bodenanalytik. Übrigens war es um 1990 herum Fritz Allendorf – der Vater meines Nachfolgers hatte mich über meine Schwiegereltern kennengelernt - der mich zu Weinwanderungen und kulinarischen Abenden bei den Glorreichen Tagen als Führer und „Entertainer“ eingeladen hatte.

Rheingau.de: Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Auktion?

Leo Gros: Natürlich. Das war am 19. Mai 1995. Ich hatte mit den Kommissionärinnen und Kommissionären, und vor allem den Kellermeistern und dem Chef der Staatsweingüter gesprochen, jeden Wein probiert, mir Notizen zur Sensorik und zu möglichen Kommentaren, Anekdoten und Informationen gemacht, und ging bibbernd und mit Lampenfieber auf das Podium. Nie werde ich den frühen Morgen im April 1995 vergessen, als ich um 5 Uhr die Zeitung aus dem Kasten holte. Ich war noch müde von einer Dienstreise und fand neben dem Namen unseres Weinbarons ein schwarzes Kreuz! Da war Grundeis unter meinem Hintern, und „hhs“ vom Echo hatte Recht, als er im Echo von einem Sprung ins kalte Wasser schrieb. Ich musste mir fast über Nacht einen in der Eile eigentlich viel zu groß geratenen Hammer drechseln lassen – ich konnte ja gut verstehen, dass die Familie von Oetinger sich vom Hammer meines so verdienstvollen Vorgängers nicht spontan trennen konnte. Das Echo berichtete dann aber auch von einem gelungenen Debüt, und ich war froh, dass das Publikum mich mit Beifall entließ.

Rheingau.de: Haben Sie selbst sich durch die Auktionen weiter entwickelt? Inwieweit? Auch als Weinfachmann?

Leo Gros: Ganz sicher. Für mich war das eine wunderbare Chance, Kenntnisse zu erweitern. Viel gelernt habe ich vor allem bei den Taxationsproben: Von den Kommissionärinnen (wir haben immer noch zwei Frauen dabei) und Kommissionären, besonders von Agi Ress, Hans Allendorf, dem Vorgänger von Uli Allendorf als Kommissionär und den verstorbenen Mitstreitern Bernhard Freund und Reinhold Schwalbach. Meist waren auch Kellermeister und der Leiter der Staatsweingüter dabei. Anfänglich probierten wir für eine Versteigerung etwa 70 Weine und wählten endlich etwa 50 aus. Gemeinsam Weine zu probieren und sich über ihre Stärken und Schwächen auszutauschen, ist eine nachhaltige Lernmethode. Wein ist chemisch gesehen ein sehr komplexes Gemisch, das sich im Lauf der Reifung in seiner Zusammensetzung und damit in der Sensorik auch noch verändert. Weine lehren uns also mit jeder einzelnen Probe Neues, das wir mit Bekanntem zu vergleichen versuchen. Die regelmäßige Begegnung mit gereiften, zum Teil sehr alten Weinen, und sehr hochwertigen jungen wäre mir ohne die Aufgabe des Auktionators nicht in dem Umfang möglich gewesen. Vor dem Wort Fachmann schrecke ich zurück – meinetwegen darf auf meinem Grabstein stehen: Er hat sich bemüht, Weine zu verstehen.

Rheingau.de: Wie bereitet man sich auf eine solche Weinauktion vor?

Leo Gros: Ich tat es zunächst, indem ich die Weine bei der Taxationsprobe mit Anderen probierte und mir Notizen machte. Die übertrug ich handschriftlich in den Versteigerungskatalog, in den ich übrigens später auch die beim Zuschlag erzielten Preise eintrug. Rückte dann der Versteigerungstag näher, benutzte ich meine wachsende Fachbibliothek und meinen ebenfalls wachsenden „Zettelkasten“ mit Karteikarten. Bei recht alten Jahrgängen wie z.B. 1896, 1921, 1937, 1945, 1953 und so weiter recherchierte ich in Neitzers Gesamtwerk oder in der ausgezeichneten Schrift des Eltviller Weinbauamts und anderen einschlägigen Büchern, später auch im Internet zu den Jahrgängen: Wie war die Witterung in jenem Jahr, was prägte die Rebenentwicklung? Ich schaute aber auch nach: Was passierte in dem Jahr politisch, geschichtlich, kulturell? Was kostete damals ein Kilo Brot? Hatte ich die eine oder andere Anekdote, die zu einem bestimmten Wein oder Jahrgang passte? Das alles wanderte in meinen Kasten mit Karteikarten, die ich bei Bedarf und wenn die Zeit zum Ausschenken an unser Publikum es erlaubte, hervorziehen konnte. Manchmal blieben sie auch im Kasten und ungesagt, oder wurden von Spontanem verdrängt. Schließlich ging ich fast immer zur Vorprobe am Vormittag vor der Versteigerung, probierte den einen oder anderen Wein noch einmal oder, bei kurzfristig dazugekommenen Weinen, erstmalig. Dabei spürte ich die Atmosphäre und sprach mit den Kommissionärinnen und Kommissionären und möglichen Kundinnen und Kunden.

Rheingau.de: Was hat Ihnen am meisten Spaß an diesem Amt gemacht?

Leo Gros: Das Verkosten sehr vieler Weine mit kundigen Menschen, die sich für dieses herrliche Produkt begeistern, das eine „Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit“ ist, wie es im Hochgebet unserer katholischen Messe richtig heißt.

Rheingau.de: Was ist das Besondere an den Eberbacher Versteigerungen? Welches waren die denkwürdigsten Ereignisse?

Die über 200jährige Tradition und der außergewöhnliche Raum Laiendormitorium bilden den Rahmen und prägen die Atmosphäre. Wie man sicher weiß, wird nicht trocken (wie bei Christie’s) sondern nass versteigert: Bis auf große Raritäten können die „Schnudedunker“ und die Kaufwilligen alle Weine bis zur TBA und zum Eiswein probieren und live erleben, wie sie an die Frau oder den Mann gebracht werden. Denkwürdig waren wohl die besonders hohen Versteigerungserlöse für rare alte Weine. Manchmal schenkten wir an Menge mehr aus, als versteigert wurde – eine starke Leistung unserer Weingüter, die wir nicht hoch genug schätzen können! Für mich waren denkwürdig solche Momente, in denen es mir besonders gut gelang, die Aufmerksamkeit der „Schnudedunker“ zu fesseln und auf das hinzulenken, worum es immer ging: Die Wertschätzung für einen besonderen Wein. Wenn beim Überschreiten einer Preisgrenze wie 1000 oder 5000 Euro spontaner Beifall aufbrandet und aufgeblasene leere Brötchentüten zum Zerplatzen gebracht werden – das ist nach Eberbacher Brauch dann „der Hammer“ – mein Hammerschlag bestätigte das am Ende nur vertragsrechtlich.

Rheingau.de: Gab es auch Pannen?

Leo Gros: Aber sicher. Einmal hatte ich zu Hause meinen Hammer vergessen! Zum Glück gab es meinen Schwager Uwe, Bayer und begeisterter Weinfreund, der mir in letzter Minute den Hammer von zu Hause brachte. Einige wenige Male fing ich nach Diskussionspausen unter den Kommissionären mit dem Weiterzählen nicht da an, wo wir stehengeblieben waren – dankenswerter Weise korrigierten sie mich.

Rheingau.de: Was war eine besonders humorvolle Situation?

Leo Gros: Da gab es hoffentlich viele – aus der Sicht des Publikums. Unsere nasse Eberbacher Versteigerung ist ja darauf angelegt, das trockene Geschäft des Weinverkaufs mit seiner ökonomischen und Marketing-Bedeutung auch unterhaltsam zu gestalten – vor einem Publikum, das beileibe nicht immer geneigt ist, dem Auktionator zu lauschen. Es gibt ja auch so viel auszutauschen, wenn man Wein miteinander probiert! Da hilft manchmal eine launige Bemerkung. Das war jedes Mal eine neue Herausforderung, die beiden Aspekte Geschäft und Unterhaltung auszutarieren! Als die Herbstversteigerungen mit Rücksicht auf das Weihnachtsgeschäft von November auf September vorgezogen wurden, reagierte das Publikum sauer. Da schüttete ich zu Beginn flüssigen Stickstoff aus den Beständen meiner Hochschule aus einem Isoliergefäß vor unser Podium und sagte: „Ihr habt nicht umsonst einen Chemiker vor Euch – der macht halt den Novembernebel für Euch hier.“. Spontane Bemerkungen in bestimmten Situationen verlören ihren Witz, wenn ich sie hier berichtete - manchmal zitierte sie die Presse. Ich bin sicher: Solche Situationen werden wir mit Ulrich Allendorf weiter häufig erleben!

Rheingau.de: Welches waren die besonderen Kostbarkeiten, die „unter den Hammer“ kamen? Was war der höchste Preis, den Sie für welchen Wein erzielten?

Leo Gros: Zum Glück schlug mein Hammer ja nur auf dem Tisch auf, nicht auf den Flaschen! Ich habe zum Abschied aus dieser Aufgabe mal all meine Notizen systematisch ausgewertet und nenne hier nur die, welche über die 10000er Marke kamen. Zu DM-Zeiten waren das ein 1893er Marcobrunn Beerenauslese für 11500, ein 1897er Steinberger Zehntstück für 10100, eine 1900er Rauenthaler Auslese für 12500, eine 1921er Baiken Auslese für 10700 und, als Spitzenreiter, eine 1921 Steinberger Trockenbeerenauslese für 19500 DM. In Euro waren es dann eine 1920er Steinberger Trockenbeerenauslese für 10300 und eine 1917er Assmannshäuser Höllenberg Spätburgunder Rotweiß-Edelbeerenauslese für 10500 Euro – fast gleichrangig.

Rheingau.de: Erfahren Sie immer, wer der Käufer ist?

Leo Gros: Meist wollen diese Menschen aus gutem Grund nicht in die Presse kommen. Die Kommissionärinnen oder Kommissionäre nannte ich laut. Manchmal erfuhr ich von ihnen, wer die Kundin oder der Kunde war, selten haben die sich auch „geoutet“. Bei den Benefizweinen, die die Staatsweingüter dankenswerterweise seit Jahren anbieten, erfuhren wir es oft schon und freuten uns über ein Foto mit denen, die für einen guten Zweck diesen Wein erworben hatten.

Rheingau.de: Wie funktioniert die Auktion über die Weinkommissionäre? Wie arbeitet der Auktionator mit den Weinkommissionären?

Leo Gros: Der erste Schritt der Zusammenarbeit ist, dass mindestens eine Person aus den Reihen der Damen und Herren von der „Kommission“ bei der Taxationsprobe dabei ist und mit den Verantwortlichen der Staatsweingüter und des VDP den Tax- also Mindestpreis festlegen, zu dem wir anbieten werden. Während der Auktion bittet der Auktionator (bislang waren und sind es Männer, aber das muss ja nicht ewig so bleiben) beim Ausbieten der Weine um ein erstes Gebot – dazu genügt ein Handheben oder Nicken der genannten Damen oder Herren, und der Auktionator quittiert das mit „ist übernommen“. Die bieten im Auftrag ihrer Weinkundinnen und -kunden und sind damit Mittler zwischen denen die verkaufen und denen die kaufen. Im Vorfeld haben sie ja die Weine probiert und beraten ihren Kundenstamm, dessen Wünsche sie meist gut kennen. Die Leute sagen ihnen auch ihr Preislimit, nach dessen Überschreiten sie quasi in deren Namen abwinken oder nicht mehr mitbieten. Besonders deutlich wird ihre Rolle, wenn zum Beispiel 60 oder auch nur 6 Flaschen angeboten werden, von denen einzelne Interessierte aber meist nur einen Teil – im Extremfall eine Flasche – haben wollen. Dann beginnt das Spiel von Angebot und Nachfrage, das in allen Betriebswirtschafts-Lehrbüchern so trocken aussieht, richtig spannend zu werden. Wann ist ein Preis erreicht, bei dem möglichst viele Interessierte ihren gewünschten Wein innerhalb des gesetzten Limits erhalten? Deshalb versammelten sich die Kommissionärinnen und Kommissionäre vor meinem Pult, um abzuzählen: Wie viele Flaschen sind insgesamt gewünscht bei dem gerade stehenden Steigpreis? Sind es deutlich zu viele, zähle ich weiter, und der eine oder die andere unter den Kaufwilligen fällt heraus. Es gibt Situationen, in denen ein Weitersteigern das Limit einer solchen kaufwilligen Person übersteigt, die einen großen Teil des angebotenen Loses kaufen würde. Dann hat das Weingut zwar einen hohen Preis, aber der Umsatz stürzt ab. Da ist dann Diskussionsbedarf. Meist teilen sich mehrere Leute die Lose, und damit mehrere Personen, die den Wein erwerben. Ist ein kaufwilliger Mensch anwesend (dann sitzt er oder sie meist am Tisch des gewünschten Kommissionshauses) könnte in der kitzligen Spannung des Bietegefechts ein Zeichen sagen: Ich biete doch weiter mit, auch über mein ursprüngliches Limit hinaus. Wenn ein Unikat, also ein Wein, von dem wir nur eine Flasche anbieten, ausgerufen wird, wird das besonders spannend, denn den kann am Ende nur eine Person kaufen. Da kommt knisternde Stille auf. Seit wir die Versteigerung parallel online anbieten, wird das Geschehen noch komplexer, weil ja auch auf diesem Weg Gebote eingehen. Dafür hat übrigens ein Kollege von der Uni Trier eine Software entwickelt, die all das bisher Gesagte in einem „Algorithmus“, also einer Rechenvorschrift abbildet. Ich bin gespannt, wie das in Zukunft das Versteigerungsgeschehen beeinflusst.

Rheingau.de: Kennt man sich gut? Gibt es „Konkurrenz-Denken“ unter den Kommissionären?

Leo Gros: Natürlich kennt man sich mit den Jahren immer besser – samt Eigenheiten und Kundenstamm. Übrigens steigt damit auch die Wertschätzung, jedenfalls meine, für den Kommissionsberuf. Konkurrenz klingt im Deutschen vielleicht negativ – die Leute sind untereinander in der Regel kollegial. Ein Wettbewerb um die solventesten Kundinnen und Kunden und im Bietegefecht um begehrte Weine ist das Ganze natürlich trotzdem. Ich habe mal gesagt, als zunächst keine weiteren Gebote eingingen und ich den Wein noch für unterbewertet hielt: „Leute, das ist eine Versteigerung, keine Verniedrigung!“

Rheingau.de: Wie war das, zu Beginn Ihrer Zeit als Auktionator, die einzelnen Kommissäre, ihre „Eigenheiten“ und ihre Kundschaft kennen zu lernen und einzuschätzen? Gab es da auch Treffen und Gespräche außerhalb der Auktionen?

Leo Gros: Klar gab es solche Gespräche, die habe ich gesucht und bin auf Bereitschaft gestoßen – schließlich brauchen wir einander, zum Wohl der Weinfreundinnen und -freunde. Ich wurde im Vorfeld auf Eigenheiten aufmerksam gemacht und hatte gehörigen Respekt vor dieser möglichen Hürde. Die lernte ich aber auch bald kennen und einschätzen. Der 2010 verstorbene Reinhold Schwalbach zum Beispiel pflegte seinen Kopf abzuwenden zum Zeichen, dass er weiter mitbot, ein anderer Kollege zwinkert mir zu, und einer macht es oft so, dass mein Hammer schon am Niedersausen ist, wenn er „zehn“ dazwischenruft – eine alte Gewohnheit, die einmal bedeutete, dass er zehn Pfennig mehr bot – bei Unikaten machte ich aber oft 100-Euro-Schritte, wenn es zum Schluss ging. Da ich diese Eigenheit kenne, war mein Hammer bei Weinen, für die er mir verdächtig war, immer schon auf plötzliches Innehalten in der Luft und mein Mund auf Weiterzählen eingestellt – zur Freude des Publikums.

Rheingau.de: Welche berühmten Gäste haben Sie bei den Auktionen begrüßen können und kennengelernt? Sind auch ausländische Gäste gekommen?

Leo Gros: Das waren vor allem Damen und Herren aus der Politik, Ministerinnen und Minister, natürlich auch mal der Ministerpräsident – Eichel und dann Koch. Gern begrüßte ich, solange sie teilnehmen konnte, Frau Edith von Oetinger, die bald 100 Jahr alt wird, und andere Prominenz aus der Weinbranche Manchmal waren es Gäste aus dem Ausland, die ich wenn möglich in ihrer Sprache kurz anredete oder für die ich mal eine Anekdote in ihrer Sprache erzählte. Seit wir online gehen, habe ich auch immer wieder mal auf Englisch gesagt, was ich da gerade mache.

Rheingau.de: Haben sich aus dem Amt heraus Freundschaften entwickelt?

Leo Gros: Die meisten Akteure kannte ich – aber viele lernte ich besser kennen und schätzen. Ich konnte meinerseits Freundschaften zum Wein stiften; eine Freundin aus Bonn hatte mir eine Probe des Hamburgischen Weinkontors schicken lassen – ich lud sie zur Versteigerung ein, und in der Folge ersteigerte sie Weine bei uns und kannte manches Mal neue Weine aus Rheingauer Betrieben schon vor mir und gab mir Tipps. Neue Freundschaften entwickelten sich mit vielen Menschen aus den Staatsweingütern und den beteiligten Weingütern des VDP, die ich leider nicht alle aufzählen kann – aber die wissen, dass sie gemeint sind.

Rheingau.de: Bei welchen Weinen hätten Sie gerne selbst mal mitgeboten?

Leo Gros: Bei vielen der alten Raritäten, die fast alle über meinem Limit lagen – ich konnte mir ja nicht selbst vorzeitig den Zuschlag erteilen...Ich durfte mich damit begnügen, viele von ihnen verkostet zu haben. Ganz selten habe ich einem Kommissionär gesagt, er solle für mich mitbieten. Manchmal durfte ich dann traurig und zugleich fröhlich über mein Limit weiterzählen und zu Recht in die Röhre gucken.

Rheingau.de: Wurden Sie auch zu anderen Auktionen eingeladen? Welche? Als Gast? Als Auktionator?

Dr. Leo Gros: Ja, sogar sehr bald nach meinem Start in Eberbach – zu mehreren Wohltätigkeitsversteigerungen „uff de eebsch Seit“ – bei der Vereinigung Rheinhessenwein, beim Förderkreis für den Wormser Dom durch das ZDF. Später kamen Benefizveranstaltungen, zum Beispiel für die Eltviller Orgel und für die Hospizstiftung Rheingau dazu. Dafür spendeten die Weingüter in der Regel die Weine, und der Erlös kam der „guten Sache“ zugute. Im Rheingau gab in der zweiten Hälfte der Neunzigerjahre einige internationale VDP-Auktionen und die 100-Jahre-Jubiläumsauktion des VDP Deutschland in Wiesbaden, bei denen ich Michael Broadbent assistierte.

2010 erkrankte plötzlich der langjährige Auktionator des Großen Rings an der Mosel in Trier, Eberhard von Kunow, schwer, und Egon Müller fragte, ob ich einspringen könne. Das habe ich drei Jahre lang gern gemacht, bis der Sohn von Eberhard die Aufgabe übernahm. 2011 fragte Armin Diehl vom VDP Nahe, der zusammen mit Ahr, Rheinhessen und Pfalz in Bad Kreuznach versteigert, ob ich dort dem scheidenden Auktionator folgen wolle. Das machte ich dann, bis 2018 Michael Prinz zu Salm als „Eigengewächs“ dieses wunderbaren Nachbargebiets zur Verfügung stand. Ein Glück, dass er mich vor einem Jahr nach meinem schweren Unfall vertreten konnte – wie das Echo berichtet hat und ich mit großer Bewegung vom Bett aus online verfolgte, mit großem Erfolg! In beiden Fällen habe ich erneut sehr viel über diese Anbaugebiete und Weingüter gelernt!

Rheingau.de: Was werden Sie vermissen?

Leo Gros: Nichts – ich freue mich auf das, was bleibt: Solange ich lebe, darf ich das im Rheingau tun, und solange ich zusammen mit meiner Frau und der Familie das Rentnerleben genießen, meine Interessengebiete Fresenius-Geschichte, Rheingauer Heimatforschung, Mundart, Wein und vieles mehr pflegen kann, bin ich dankbar und fröhlich.

Rheingau.de: Aber so ganz ohne Weinauktionen wird es nicht gehen, oder?

Leo Gros: Der VDP Nahe hat mir lebenslang Gastrecht für die Versteigerung gewährt. Der VDP Rheingau möchte, dass ich weiter „Ambassador“ für den Rheingauer Wein sein soll. Ich bin gespannt, was das konkret bedeutet. Jedenfalls werde ich wie bisher nie und nirgends eine Mördergrube aus meinem Herzen machen, in dem zwar meine Frau und meine Familie den ersten Platz haben, aber für den Rheingau und seine Weine bleibt noch eine Ecke übrig. Im Beirat der Gesellschaft für Geschichte des Weines, der ich seit 50 Jahren angehöre, und bei den Rheingauer Heimatforschern gibt es weiter Aufgaben, und so einiges habe ich vor, über das das Echo zu gegebener Zeit hoffentlich noch Neues wird berichten können.

Rheingau.de: Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Leo Gros: Das meiste hat er ja schon: Eine große Liebe zum Rheingau und zum Wein, gründliche Kenntnisse, einen Kopf voller Geschichten, eine einladende Präsenz - und besondere Freude an gereiften Weinen. Ein glückliches Händchen, Freude und Erfolg beim Versteigern und die Akzeptanz bei allen Beteiligten und besonders beim Publikum sollen ihn immer begleiten!

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 06.03.2021.

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