Mühlengeschichte ist spannender als ein Krimi

21.08.2020

Waltraud Schwunk-Schmidl hat in jahrelanger Forschungsarbeit die Historie der Krayer-Mühle enthüllt

Winkel. (sf) „Spannender als jeder Krimi" sei die Recherche zur Historie der Krayer-Mühle am „Bartholomä" in Winkel gewesen, erzählt Waltraud Schwunk-Schmidl. Über Jahre hinweg ist sie tief in die Historie des Mühlenalltags in Winkel eingetaucht und weiß längst, dass die damals nichts mit Romantik zu tun hatte: „Die Krayer ´s Mühle ist dem Hauszeichen entsprechend wohl 1589 erbaut worden, von einem Mainzer Bürger, der sie bereits 1593 an einen Adligen weiterverkaufte, und sie blieb in adligen Händen bis zur Französischen Revolution, nach deren Ende Kloster Eberbach, an das die Wasserlaufpacht bezahlt werden musste, nicht mehr existierte. Dies ermöglichte aber der Müllerfamilie Schmitt, die seit 1690 die Mühle in Erbpacht bewirtschaftete, diese 1804 selbst zu erwerben. Bis 1866 blieb sie in ihrem Besitz. Dann jedoch hatten die meisten Mühlen im Zuge der Umstrukturierung und Industrialisierung keine Überlebenschance mehr, und wer nicht rechtzeitig eine neue Erwerbsquelle gefunden hatte, musste aufgeben. Dies war dem benachbarten Müller Michael Krayer von der Weißmühle besser gelungen, und so ersteigerte er 1866 für seinen Sohn Carl die „Schmittische Mühle“. Seit dieser Zeit ist sie ununterbrochen im Besitz der Familie Krayer, also mehr als 150 Jahre“.

Als Germanistikstudentin hatte Waltraud Schwunk ihren zukünftigen Mann Gerhard Schmidl aus Winkel im Rheingau kennengelernt. Der Kommilitone mit den Fächern Wirtschaft und Recht an der Mainzer Gutenberg Universität habe damals sofort ihr Interesse geweckt, als er ihr erzählte, er habe schon "in Goethes Bett genächtigt". Und das stimmte auch tatsächlich: als Schulfreund Udo von Brentanos feierten die Freunde wirklich eine Party im Brentano‘schen Haus, als die Eltern einmal weg waren, und Gerhard Schmidl schlief in dieser Nacht in dem Bett, in dem schon Goethe geschlafen hatte. Als er dann auch noch eine historische Mühle als Familienbesitz vorweisen konnte, war es um die Germanistin geschehen. Das Paar heiratete und seit dem Tod von Elisabeth Schmidl, geborene Krayer, verwaltet es den elterlichen Teil der Mühle. Aufwendige Sanierungen haben in den letzten Jahren hier stattgefunden und der Mühle zu viel Glanz verholfen, allerdings auch ganz behutsam immer in der historischen Tradition der alten Mühle.
„Schon bei meinen ersten Besuchen in der Mühle, nach unserer Hochzeit 1979, fiel mir eine Urkunde auf, die gerahmt in dem historischen Gebäude hing und kaum noch zu entziffern war", erinnert sich Waltraud Schwunk-Schmidl. Bereits damals sei das Interesse geweckt gewesen und im Laufe der Jahre begannen dann die Recherchen, die einer richtigen Detektiv-Arbeit glichen. Vor allem im Hessischen Staatsarchiv habe sie viele Stunden verbracht und dank des dortigen, hilfreichen Mitarbeiters Ries auch viele Puzzleteile zusammensetzen können. So konnte sie zum Beispiel nach langem Rätselraten auch herausfinden, warum die Mühle den Beinamen „Pforzheimer Mühle" hatte und dass auch die benachbarte „Weißmühle" damals zunächst noch im Besitz der Familie Krayer war: „Sie galten für den Adel jahrhundertelang als Wirtschafts- und Prestigeobjekt und wurden entweder von einem Krayer betrieben oder besessen“.

„Die Begeisterung für alte Häuser, also wörtlich genommen der Wunsch, ihren Geist zu entdecken, stammt wohl noch aus der Lesebegeisterung in meiner Kindheit, heute würde man von einer Sucht sprechen, die sich vor allem auf Geheimnisvolles bezog. Da ich selbst meine ersten sieben Jahre in einem Haus von 1912 mit all seinen für mich seltsamen und unheimlichen Ecken verbracht habe, dann aber in ein neues, 1960 gebautes Haus umzog, blieb die Faszination für alte Häuser. Im Studium wurde das verstärkt durch Werkverträge für die Erforschung von Flurnamen, speziell an der Mosel, und meine Examensarbeit zu diesem Thema. So war für mich das Elternhaus meines Mannes, eine alte Mühle im Rheingau, sofort von besonderem Interesse", erinnert sich die Autorin. Über ihren Ursprung und ihre Vergangenheit sei damals nur sehr wenig bekannt gewesen. „Von unserer Heirat 1979 an blieb für mich das alte Haus ein Geheimnis, das ergründet werden musste, aber immer fehlte die Zeit". So hätten die Forschungen über Jahrzehnte hinweg gedauert und sind schließlich vor einigen Jahren in einem Buch gemündet. „Wobei es bei diesem Thema kein „Fertig" gibt: Auch für den Leser, vor allem den lokalen, gibt es sicher überall Ergänzungs- und Anknüpfungspunkte, dazu möchte ich auch anregen", sagt sie. Und so hat die Autorin den Titel ihres Buches "Mühlenromantik am Elsterbach zu Winkel im Rheingau?" dann auch mit einem Fragezeichen versehen und auch der Untertitel "Die letzte Krayer-Mühle packt aus..!?" hat ein Fragezeichen. Geschichte, über Jahrhunderte recherchiert, biete unendliche Verknüpfungen und das erschwere auch die Arbeit: „Ich hätte nie gedacht, dass so viele alte Urkunden noch existieren und regelrecht auf eine Entdeckung warten. Dazu braucht es eben nicht nur die Fähigkeit, diese überhaupt lesen zu können, sondern auch Menschen, die einem beim Auffinden helfen". Auf fast 90 Seiten hat sie die über 400 Jahre alte Historie der Krayermühle zusammengefasst und viele Details veröffentlicht. Herausgekommen ist dabei die lückenlose Geschichte der Mühle, eingebettet in die Mühlengeschichte der Winkeler Mühlen am Elsterbach. Das Buch ist auch eine gute Ergänzung zum vor einigen Jahren eingerichteten und mittlerweile sehr beliebten Mühlenwanderweg am Elsterbach. Die Idee einiger Freunde, die Historie in eine fiktive Kriminalgeschichte "einzupacken", hatte die Autorin bereits gleich am Anfang verworfen: „Die Realität ist noch viel dramatischer", verspricht sie. Die hochinteressante historische Abhandlung ist im Eigenverlag erschienen und für 9,80 Euro im Weingut Krayer in der Krayers Mühle sowie bei der Oestrich-Winkeler Tourist Info zu haben.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 21.08.2020.

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