Gartenurlaub zu Hause

10.08.2020

Es summt und brummt: Hilfe für die kleinen Helferlein - Der Garten als Lebensraum für Insekten

Rheingau. (sf) Ein Garten, in dem es zwitschert und summt, bereitet viel Freude. Ohne viel Mühe kann man den eigenen Garten oder auch Balkon nicht nur zu einer Wohlfühl-Oase für sich selbst, sondern auch zu einem wertvollen Lebensraum für eine Vielzahl an Wildtieren gestalten. Denn in jüngster Zeit rückt eine große Tiergruppe in den Fokus, die lange Zeit eher vernachlässigt wurde: die Insekten. Insekten spielen eine wichtige Rolle in der Natur. Als Bestäuber für viele Pflanzen oder als Nahrung für verschiedene Tiere wie Igel oder Vögel. Doch sie sind nicht nur nützlich, sondern sind auch schöne und faszinierende Tiere, die es zu entdecken lohnt, und die dem Garten eine lebendige Vielfalt schenken.
Ihr dramatischer Rückgang ist in den vergangenen Jahren augenfällig und wie problematisch das ist, zeigt sich vor allem an den Bienen: Sie sind die wichtigsten Bestäuber für die meisten Nutzpflanzen sowohl im Garten als auch in der Landwirtschaft. Unschätzbare Dienste leisten sie bei der Befruchtung vieler Obst- und Gemüsearten sowie Kräuter, indem sie auf der Suche nach energiereichem Nektar in die Blüten krabbeln und in ihrem Haarkleid reichlich Pollen zur Narbe der nächsten Blüte weitertragen. Ganz nebenbei spielen sie auch eine wesentliche Rolle bei der Vermehrung unserer Zierpflanzen. Eine Welt ohne Bienen ist unvorstellbar und auch unmöglich. So ist es immer wichtiger geworden, den Garten auch als Lebensraum für Insekten zu sehen und mit bienenfreundlichen Stauden, blühenden Kräutern und duftenden Rosen, die Schmetterlinge und Vögel begeistern, ein Naturerlebnis direkt in unseren heimischen Gärten zu erleben. Damit die Bienen auch nachhaltig in den eigenen Garten gelockt werden, gilt es, ihnen eine Fülle guter Nektar- und Pollenpflanzen sowie diverse Nistmöglichkeiten zu bieten. Und dabei geht es nicht allein um die Honigbiene, die von Imkern in speziellen Bienenstöcken gehalten wird. Noch viel wichtiger ist die große Vielfalt an Wildbienen und -hummeln. Etwa 560 Arten kommen in Deutschland vor und sie unterscheiden sich nicht nur äußerlich, sondern auch in der Wahl ihres Nistplatzes. Etwa drei Viertel davon, beispielsweise Sand- und Furchenbienen, gehören zu den Bodenbrütern. Oftmals reicht ihnen schon ein unbefestigter Trampelpfad oder ein Fleckchen mit offenem Boden, der nicht gedüngt, gemulcht oder bepflanzt wird, um kleine unterirdische Gänge für die Aufzucht ihres Nachwuchses bauen zu können. Ebenfalls angenommen werden stellenweise offen gehaltene Böschungen oder Teichufer sowie die Lücken in Trockenmauern. Ein anderer Teil der Wildinsekten wie Mauer- oder Maskenbienen brütet in Totholz sowie in hohlen oder markhaltigen Pflanzentrieben. Ihnen kann man auf einfache Weise Nisthilfen in Form von Holzblöcken oder Pflanzenhalmen bereitstellen, wobei jedoch einige Details zu beachten sind. Um den Bienen in der Nähe ihrer „Kinderstuben“ genügend Nahrung zur Verfügung zu stellen, sollten wir ihnen ein üppiges Angebot an guten Nektar- und Pollenpflanzen vom zeitigen Frühjahr bis zum Herbst bieten. Hierzu tragen vor allem heimische Wildkräuter und -gehölze bei.

Und nicht nur Bienen sollte man den Tisch decken, im Garten gibt es unzählige weitere Helfer neben den Bienen: Hummeln, Laufkäfer, Marienkäfer, Schwebfliegen, Florfliegen, Spinnen, Vögel, Igel und viele mehr, die einem die Arbeit abnehmen, wenn man sie nur lässt. Käfer und ihre Larven vertilgen Unmengen an Blattläusen. Bienen und Hummeln bestäuben die Obstbäume und sorgen dafür, dass ausreichend Früchte produziert werden. Vögel und Igel kümmern sich um die lästigen Nacktschnecken. Das Motto sollte also lauten: Zurücklehnen und beobachten! Duldet man eine gewisse Anzahl an Schädlingen, werden sich in kurzer Zeit auch viele Nützlinge im Garten ansiedeln, weil diese ausreichend Nahrung in Form der Schädlinge vorfinden. Jeder heimische Baum oder Strauch im eigenen Garten dient unzähligen Nützlingen als Unterschlupf, Brutplatz oder Nahrungsquelle. Hier können sich die Tiere zurückziehen, die im Sommer im Gemüse- und Blumengarten Blattläuse und andere Schädlinge in Schach halten. Eine der ersten Regel, wenn Sie die Nützlinge fördern wollen, heißt, dass man vom Frühjahr bis Frühsommer keine Insektizide anwendet, da sich die Tiere gerade in dieser Zeit vermehren. Mit früh auftretenden Blattläusen als Nahrung entwickeln sich viele Nützlinge gut und verzögern so die Entwicklung der Pflanzensauger oder verhindern im Sommer sogar eine Massenvermehrung.

Wer Insekten unterstützen und ihnen im Garten einen Rückzugsort bieten möchte, kann dies mit der richtigen Pflanzenauswahl, einigen nützlichen Elementen und viel Geduld tun. Entsprechend der Lage, Größe und Bodenbeschaffenheit des Gartens lassen sich unterschiedliche Biotope realisieren. Etwa eine Staudenrabatte, ein duftendes Kräuterbeet oder eine Hecke mit Wildsträuchern. In vielen Gärten finden die farbenprächtigen Insekten keine Nahrung mehr. Statt heimischer Blumen, Gräser, Sträucher und Bäume dominieren langweiliger Einheitsrasen und exotische Gewächse. Wer in seinem Garten daran etwas ändern möchte, sollte schon jetzt an die nächste Sommersaison denken.
Die größte Chance auf großflächige Blütenvielfalt bieten Blumenwiesen anstelle des englischen Rasens. Dauerhaft artenreiche Flächen zu schaffen, gelingt jedoch oft erst, wenn man die oberste, nährstoffreiche Bodenschicht entfernt und Sand oder Kies in den Untergrund einarbeitet. Wer zum Beispiel einen Teil seines englischen Rasens in eine bunte Schmetterlingswiese umwandeln möchte, muss allerdings zuerst den Nährstoffgehalt des Bodens senken, da die meisten Wildblumen auf mageren Böden gedeihen. Am besten tragen Sie dazu die vorhandene Grasnarbe teilweise ab. An den freigelegten Stellen wird der Boden umgebrochen, durch Sandbeimischung abgemagert und mit einer im Fachhandel erhältlichen Blumenwiesenmischung eingesät. Doch auch zahlreiche Zierpflanzen von den frühen Zwiebelblümchen über Beetstauden bis hin zu Blütensträuchern und Rosen sind geeignete Trachtpflanzen. Je enger sie mit ursprünglichen Wildpflanzen verwandt und je geringer die Blüten gefüllt sind (da sie dann über reichlich Pollen und Nektar verfügen), desto wertvoller sind sie für Bienen und Co. In jedem Fall ist es wichtig, standortgerechte Wiesenmischungen einzusäen, um über viele Jahre Freude an einem bunten Blütenmix zu haben. Einfacher umzusetzen sind sonnige Beete mit einjährigen Blumenmischungen, die nach der Aussaat im Frühjahr rasch heranwachsen und in der folgenden Saison in der Regel durch etwas Neues ersetzt werden müssen. Den Bienen kommt es indes sogar zugute, wenn man nicht überall gärtnerischen Eifer an den Tag legtund die eine oder andere Ecke ungenutzt lassen kann. Dort finden sie eher ungestörte Nistmöglichkeiten, um die nächste Generation an emsigen Bestäubern hervorzubringen

Im Sommer blühen zum Beispiel Ringelblume, Braunelle, Lavendel, Kugeldistel, Taubnessel, Löwenzahn, Rotklee, Hornklee oder Schafgarbe für die Bienen und andere Insekten.
Wer Schmetterlinge in seinem Garten flattern sehen will, sollte vor allem heimische Wildblumen pflanzen. Über sechzig Prozent der Falter stehen auf der Roten Liste. Lebensraumzerstörung und Gifteinsatz machen ihnen den Garaus. Doch Kartäusernelke, Taubenskabiose, Tüpfeljohanniskraut, Wilder Majoran und andere heimische Wildblumen locken mit ihren Farben und Düften Schmetterlinge an. Wie Marionetten an unsichtbaren Fäden tanzen sie von Blüte zu Blüte, saugen durch ihren ausgestülpten Rüssel Nektar und betätigen sich so ganz nebenbei als Bestäuber. Wer sich nicht nur auf seine Pflanzen verlassen möchte, kann Schmetterlinge zusätzlich durch Kunstnahrung anlocken. Bewährt hat sich ein „Schmetterlingscocktail" aus Zuckerwasser, Fruchtsaft oder reifen Früchten. Und gänzlich auf exotische Pflanzen verzichten, müssen Schmetterlingsfreunde auch nicht. Wichtig ist auch hier, dass die Blüten nicht gefüllt sind, damit die zarten Insekten leichten Zugang zum Nektar haben. Eine besonders ergiebige Nektartankstelle ist der Sommerflieder. Er zieht Falter magisch an. An manchen warmen Tagen sind seine Blütenstände dicht mit Schmetterlingen besetzt. Dann kann man Tagpfauenauge, Kleinen Fuchs oder Admiral ganz aus der Nähe erleben. Weitere exotische Nektarspender sind Blaukissen, Kapuzinerkresse, Phlox und Zinnie.

Für alle Insekten gilt, dass sie Blütenpracht von Frühjahr bis Herbst brauchen. Das ist sehr wichtig, denn im Hochsommer sind viele Blumen bereits verblüht, dann finden Bienen, Hummeln und Co. nicht genug Nahrung und verhungern. Richtige Bepflanzungen können da überlebenswichtige Nahrung liefern. Pflanzen sollte man also so, dass vom zeitigen Frühjahr bis zum späten Herbst immer etwas blüht, damit die Bienen, Hummeln und Schmetterlinge jederzeit ausreichend mit Nektar versorgt sind. Im Frühling liefern Blaustern, Schlüsselblume und Margerite flüssige Nahrung, im Herbst Purpur-Fetthenne oder Neubelgische Aster. Besonders wichtig für Falter sind auch heimische Sträucher und Bäume. Sie bieten Nahrung, Rastplatz sowie Schutz vor Regen, Wind und Kälte.
Das reichhaltige Nektarangebot lockt zwar Insekten in den Garten, doch sie bleiben nur dauerhaft Gäste, wenn man sich gleichzeitig auch um ihren Nachwuchs kümmert. Bei den Schmetterlingen zum Beispiel interessieren sich die Raupen im Gegensatz zu den Faltern nicht für Nektar, sondern haben es auf Blätter einheimischer Pflanzen abgesehen. Während der Schmetterling eine Vielzahl unterschiedlicher Nektarquellen aufsucht, ist seine Raupe in Bezug auf ihre Futterpflanze schon wählerischer. So lebt die Raupe des Schwalbenschwanzes auf der Wilden Möhre oder der Petersilie, Raupen von Schachbrett und Ochsenauge ernähren sich von Gräsern. Für eine gute Überwinterung der Insekten sollte man kleinere Stellen im Garten verwildern lassen. Auf Brennnesseln, Disteln und anderen „Unkräutern" fühlen sich nicht nur Schmetterlingsraupen wie im Schlaraffenland. Und eine Pflanze ist für Bienen, Wespen und Schmetterlingen mit Blick auf den Herbst und Winter ganz besonders geeignet: Efeu ist eine Kletterpflanze, die erst zu blühen beginnt, wenn sonst nur noch wenige Nektarquellen zur Verfügung stehen - meist ab Ende August und dann bis in den November oder sogar Dezember hinein. Blühenden Efeu sollte man also nicht beschneiden: Die in einer Halbkugel angeordneten, unscheinbar gelbgrünen Blüten sind völlig offen, so dass Besucher aller Art einen offen gedeckten Tisch vorfinden. Praktisch alles, was sechs Beine hat, kommt im Herbst hier vorbei, von Ameisen über Fliegen, Schwebfliegen aller Art, Wespen, Bienen und Falter. Selbst Marienkäfer weichen nun mangels Blattläusen gerne auf energiereichen Blütennektar um. An Efeu kann man auch fast alle Falter finden, die noch spät im Jahr unterwegs sind. Für manche Insekten ist der Efeu-Nektar das letzte Gnadenbrot. Während Ameisen die kalte Jahreszeit unterirdisch verbringen und Marienkäfer ebenfalls Verstecke aufsuchen, überwintern bei den Faltenwespen nur die Königinnen. Die Männchen, ebenso wie alle Arbeiterinnen, sterben im Herbst.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 10.08.2020.

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