Einmal das Schlafzimmer von Goethe sehen

05.07.2020

Museumsbesuche im Brentano-Haus sind wieder möglich/Angela von Brentano lädt zum Eintauchen in die Zeit der Romantik ein

Winkel. (sf) „Prost Mahlzeit" war der lapidare Kommentar von Mutter Goethe, was die Verehrung ihres Sohnes durch Bettine Brentano anging. Die junge Frau bombardierte den Geheimrat mit Liebesbriefen und hielt auch engen Kontakt zu seiner Mutter. Vor allem nach einem Besuch Goethes im Haus der Familie von Brentano im „langen Winkel“ im schönen Rheingau schwärmte das junge Mädchen sehr von dem Dichter.

Das Haus war Sommerfrische der Frankfurter Familie von Brentano, die regen Umgang mit vielen Künstlern und Dichtern hatte. Das Domizil gilt als eines der geistig-kulturellen Zentren der Rheinromantik. Hier gaben sich neben Goethe auch Brentanos Sohn Clemens und dessen Freunde Heinrich Heine, Achim von Armin und viele andere Romantiker die Ehre. Bettine heiratete später Achim von Arnim, den Freund ihres Bruders Clemens. Auch Bettines Freundin Karoline von Günderode war hier zu Gast. Sie erstach sich am Winkeler Rheinufer aus Liebeskummer und ist am Rand des Winkler Friedhofs beigesetzt.

Die Zeit der Romantik ist in Winkel allgegenwärtig und gerade das Brentanohaus lädt hier zu einer Zeitreise in die Historie ein: Einmal das Schlafzimmer von Johann Wolfgang von Goethe gesehen zu haben, das sollte gerade die Rheingauer reizen, die dafür nicht einmal, wie viele andere Gäste, von weit her anreisen müssen. Denn bis heute gibt es im Winkeler Brentanohaus ein Museum mit original erhaltenen Möbeln wie dem Bett und dem Schreibtisch in Goethes Zimmer.

Baronin Angela von Brentano bietet regelmäßig Führungen an und nach dem monatelangen Lockdown durch die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie sind seit Montag letzter Woche wieder Museumsbesuche möglich – auch während der Sommerferien, die ja viele jetzt zu Hause verbringen. Mit Baronin von Brentano kann man an einem Ferientag ja einfach mal in die Zeit der Romantik reisen. Seit vielen Jahren schon bietet die einstige Hausherrin erlebnisreiche Führungen im Brentanohaus an und hat diese ehrenvolle Aufgabe auch nach dem Verkauf des historischen Hauses beibehalten, auch weil es ihr spürbare Freude macht, mit den Menschen tief in Geschichte ihrer Familie einzutauchen.

Die Familie von Brentano hat das stark sanierungsbedürftige Anwesen an das Land Hessen verkauft. Die Stadt Oestrich-Winkel und das Deutsche Hochstift erhalten nun das Kleinod der Romantik, unterstützt vom Freundeskreis Brentanohaus. Mit großem finanziellem Aufwand wurde die Außenfassade des stark verwitterten Anwesens erfolgreich renoviert. Danach erfolgte eine behutsame Restaurierung der fast komplett aus der Goethezeit erhaltenen Möblierung im Haus. Neu hinzugekommen ist vor zwei Jahren ein Museumsshop mit der Tourist-Info der Stadt Oestrich-Winkel. Und auch eine Gaststätte, mit typisch Rheingauer Gastfreundschaft betrieben von der Winkeler Winzerfamilie Allendorf, hat wieder Einzug in dem geschichtsträchtigen Haus und dem lauschigen Rebengarten gehalten. Somit lohnt sich ein Ausflug ins Brentanohaus mit Museumsbesuch und Einkehr doppelt.

„Die interessante Geschichte des heute unter dem Namen „Brentanohaus“ bekannten, langgestreckten Gebäudes mit dem großen Mansarddach begann 1751, als es von der Binger Familie Ackermann erbaut wurde. Umgeben ist der Komplex mit Weinbergen, Gartenanlage und Nebengebäuden wie dem Badehaus von einer weitläufigen Bruchsteinmauer. Der reiche Frankfurter Kaufmann Franz Brentano, ein Halbbruder der Dichtergeschwister Clemens und Bettine, erwarb das Anwesen 1804, um es als Sommersitz für sich und seine Frau Antonie, die eine geborene Edle von Birkenstock war, zu nutzen. Seit dem Sommer 1806 wurde es zunächst während des Sommerhalbjahrs, später dann ganzjährig bewohnt. Hier wuchsen zu großen Teilen die insgesamt sechs Kinder von Franz und Antonie Brentano auf. Auf Grund seiner idyllischen Lage am Rhein und der günstigen klimatischen Bedingungen am Fuße der Rheingau-Hügel entwickelte sich das Anwesen dann auch schnell zu einem Mittelpunkt der gesamten Brentano-Familie und ihres Freundes- und Bekanntenkreises, zu dem viele bekannte Persönlichkeiten aus Kunst, Wissenschaft und Politik zählten“, erläutert der Freundeskreis Brentanohaus zur Geschichte des Gebäudes.

So gehörten zu den Besuchern und Gästen im Brentanoschaus auch Achim von Arnim, die Brüder Jacob, Wilhelm und Ludwig Emil Grimm, Freiherr vom Stein und Johann Wolfgang von Goethe. „Mit symbolischer Dramatik aufgeladen wurde der Ort schon früh durch den Freitod der Karoline von Günderode am 26. Juli 1806. Indem Bettine Brentano dieses Ereignis umgehend nach Weimar berichtete und Goethe zur Kenntnis brachte, sorgte sie dafür, dass sich der Nimbus des Hauses bald überregional verbreitete und die enge Verbindung der Brentanos mit dem Symbolfluss Rhein im Bewusstsein vieler Zeitgenossen verankerte. Einen entscheidenden Anteil daran haben aber auch die Schriften einiger namhafter Autoren der Romantik. Die Präsenz des Rheins, der nahe gelegene Übergang des sanften Rheingaus in die felsenreiche, schluchtenartige Formation des oberen Mittelrheintals und die dort anzutreffenden Burgruinen regten nicht nur Clemens und Bettine Brentano und Achim von Arnim zu einer verstärkten Beschäftigung mit der Rheinlandschaft an. Es entwickelte sich eine regelrechte Rheinromantik, durch die das Brentanohaus eine wichtige Rolle als Anlaufpunkt und Begegnungsort bekam. „Zeitweilig wurde es sogar zu einer Art Zentrum der Rheinromantik und diese symbolische Bedeutung des Ortes war auch Goethe bewusst, als er im Spätsommer 1814 ganze acht Tage im Winkeler Haus der Brentanos verbrachte und von hier aus Ausflüge in die nähere Umgebung unternahm“, erläutert der Freundeskreis. Die dabei gewonnenen Eindrücke habe Goethe unter anderem in dem Reisebericht „Das Sankt-Rochus-Fest zu Bingen“ und den tagebuchartigen Aufzeichnungen „Im Rheingau Herbsttage“ festgehalten.

Bis Dezember 2014 war das Brentanohaus in Familienbesitz und nicht nur die heutigen Träger sind der Familie von Brentano dankbar, dass sie es über die Jahrhunderte hinweg in seiner ursprünglichen Gestalt erhalten haben. Nicht nur das Gebäude hat einen großen historischen Wert, vor allem auch dass das Interieur mit großen Teilen der originalen Einrichtung und vielen historischen Andenkenstücken erhalten blieb, hat Seltenheitswert: „Mit großem Weitblick haben die letzten privaten Eigentümer der Familie Brentano fünf Wohnräume des Hauses – darunter jene, die Goethe bei seinem Aufenthalt im Rheingau 1814 bewohnte – so belassen beziehungsweise wieder hergerichtet, wie sie vor 200 Jahren Anfang des 19. Jahrhunderts einmal ausgesehen haben. So ist das Brentanohaus in Oestrich-Winkel das einzige Gebäude, das weitgehend authentisch dokumentiert, wie Familie und Gäste gelebt haben“, so die Träger. Damit komme dem Brentanohaus der Rang eines kulturhistorischen Denkmals ersten Ranges zu. „Das historisch herausragende Bauwerk vermittelt – auch über Architektur und Landschaft – eine topographische Erinnerung an die Epoche der Romantik, welche die Rhein/Main-Landschaft kulturgeschichtlich nachhaltig geprägt hat“, sagt auch der Freundeskreis.

Zwar können aufgrund der aktuellen Situation mit den Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie derzeit nur individuell gebuchte Führungen angeboten werden und man muss über ein Online-Formular Kontakt aufnehmen, denn offene Führungen ohne Voranmeldung können zurzeit nicht stattfinden. Doch gerade auch die kleinen Führungen mit Angela von Brentano sind etwas ganz besonderes. Bis zu sechs Personen führt sie in diesen kleinen „Zeitreisen“ durch die Romantik. Und natürlich wurde auch für ein besonderes Hygiene-Konzept gesorgt. So findet man am Eingangsbereich des Museums Händedesinfektionsmittel vor und während des gesamten Museumsbesuchs tragen alle Teilnehmer einen Mund-Nasen-Schutz. Die Mindestabstandsregeln sind einzuhalten, ebenso alle Aufstellhinweise und die Wegeführung. Auch das Eintragen mit Namen, Anschrift und Telefonnummer in eine Teilnehmerliste, die man online schon zu Hause ausgedruckt bereits ausgefüllt mitbringen kann, ist vorgesehen. Diese Reise in die Zeit der Romantik kostet pro Person 8 Euro.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 05.07.2020.

https://www.brentano.de/

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