Aktuelle Situation bringt Studenten auch Vorteile

10.05.2020

Zwei Studentinnen der Geisenheimer Hochschule berichten von ihrem Studium in den eingeschränkten Zeiten der Corona-Krise

Rheingau. (sf) „Ich habe das Glück, dass wir im 6. Semester keine klassischen Vorlesungen mehr haben, sondern nur Gruppenarbeitsprojekte. Ich habe zwei Projekte, eins im Modul „Weintourismus“ und eins in „Beratung und Kommunikation“.
Hier bekamen wir jeweils per Mail eine Vorstellung und Einweisung des Projektes und dazu die Aufgaben und das Ziel des Projektes mit Abgabeterminen.
Wöchentlich werden die Fortschritte per Videokonferenz mit der Gruppe und den Dozierenden besprochen. Innerhalb der Gruppe mit den Studierenden finden weitere Videokonferenzen mehrmals die Woche statt, bei denen wir gemeinsam an den Projekten weiterarbeiten und die verschiedenen Aufgaben untereinander aufteilen. Dann ist jeder dafür verantwortlich, seinen Teil bis zum festgelegten Datum fertig bearbeitet zu haben. Das schöne hieran ist, dass man sich die Zeit dafür selbst so einteilen kann wie man es möchte“, berichtet die 23jährige Studentin Paula Wagner vom ihrem Studium an der Hochschule Geisenheim während der Corona Krise. Die ehemalige Rauenthaler Weinkönigin, die mittlerweile in Walluf wohnt und an der Hochschule Geisenheim University Internationale Weinwirtschaft studiert, schätzt die neugewonnen Freiheiten des „Fernstudiums“ durch die Corona-Einschränkungen, denn klassische Vorlesungen vor Ort und Seminare gemeinsam mit den Dozenten und Kommilitonen in den Hörsälen auf dem Campus finden wegen der Corona-Kontaktsperre zur Zeit nicht statt. So hat das neue Semester jetzt virtuell für die Studenten der Hochschule begonnen. Das bringe auch Vorteile, meint Paula: „So kann man entweder früh aufstehen, seine Arbeiten erledigen und sich dann seiner Freizeit widmen oder man schläft aus, macht sich einen Kaffee und setzt sich in Ruhe mit seinem Laptop auf die Terrasse und bearbeitet seine Aufgaben, dann schnappt man sich zwischendurch den Staubsauger und saugt seine Wohnung, dann arbeitet man etwas weiter, dann macht man sein Sportprogramm, dann arbeitet man wieder etwas weiter“. Sie genieße diese neuen Freiheiten und die Möglichkeit zur Selbstgestaltung der Vorgehensweise sehr und es sei auch eine große Zeitersparnis, nicht für jedes Treffen nach Geisenheim fahren zu müssen: „Wie oft bin ich in den vergangenen Semestern für ein 20-minütiges Gruppengespräch nach Geisenheim und wieder zurück gefahren, da frage ich mich, wieso man das nicht schon vorher ab und an so gemacht hat“.

Paula Wagner hatte 2016 am Gymnasium Eltville ihr Abitur gemacht und war danach ein halbes Jahr um die Welt gereist und vor allem einige Zeit in Australien gewesen. „2014 wurde ich zur Rauenthaler Weinprinzessin gekrönt, zwei Jahre später zur Weinkönigin und habe den Rauenthaler Wein bis letztes Jahr repräsentiert. Das Ehrenamt hat mir sehr viel Freude bereitet, ich konnte viele neue Bekanntschaften machen und auch unheimlich viel über den Rheingau und seinen Wein lernen. Ich bin gerne und viel unterwegs, sei es in München bei meinem Bruder oder in Berlin bei Freunden oder einfach nur am Weinprobierstand bei einem guten Glas Rheingauer Riesling. Am Wochenende helfe ich im Weinladen des Weinguts Baron Knyphausen beim Weinverkauf, was mir unheimlich viel Spaß macht und wo ich mit vielen interessanten Leuten zu tun habe“, erzählt sie. Als Weinmajestät sei Wein natürlich immer ein präsentes Thema gewesen und als Rheingauer komme man „ja sowieso nicht um das Thema Wein herum“. Als Paula dann in Australien in der Weinregion Hunter Vally in verschiedenen Weingütern gearbeitet hat, wurden ihre Überlegungen nur noch mehr bestätigt: „Ein Studium in Geisenheim sollte es werden“. Wieder zu Hause angekommen, startete sie ihr Vorpraktikum im Weingut Wölfel in Rauenthal und konnte dort viel lernen: „Vor allem auch dadurch, dass mir sehr viel Vertrauen entgegen gebracht wurde und ich viel selbstständig arbeiten konnte. Egal ob im Weinberg, Keller oder Verkauf, ich war vielseitig eingespannt und konnte aus jedem Tätigkeitsbereich viel für mein Studium mitnehmen, die Theorie lässt sich nun mal viel leichter lernen, wenn man es schon einmal praktisch ausgeführt hat“.
Mittlerweile ist sie schon im 6. Semester des Studiengangs Internationale Weinwirtschaft und das Studium in Geisenheim macht ihr großen Spaß. „Es gibt viele spannende Module zu belegen, der praktische Anteil hier ist sehr hoch.
Mir gefallen die Module sehr gut, in denen wir die Möglichkeit bekommen, verschiedene Weine zu verkosten. Man bekommt einfach einen Überblick darüber, was es alles Spannendes auf dem Weinmarkt zu finden gibt. Diese Module sind meist themenbezogen, so gab es zum Beispiel das Marketingprojekt Frankreich. Hier wurde jede Woche ein anderes Anbaugebiet in Frankreich vorgestellt und dann Weine von dort verkostet“, berichtet sie und weiß auch die Fachkompetenz der Lehrenden sehr zu schätzen: „Das sind allesamt Profis auf ihrem Gebiet“.
Vor allem auch die „familiäre Atmosphäre“ des Campus Geisenheim schätzt Paula Wagner sehr: „Hier kennt fast jeder jeden. Oft haben wir uns zum gemeinsamen Beisammensein nach den Vorlesungen am Nachmittag am Alten Weinfass getroffen. Das steigert das Miteinander unter den Studierenden. Ich genieße es sehr, hier mit meinen Freunden und einem Glas Wein den Abend zu verbringen, wenn das wieder möglich sein wird“. Generell habe ihr Semester einen tollen Zusammenhalt, erzählt die Studentin, und verweist auf die tolle Gruppendynamik bei den verschiedenen Exkursionen und Angeboten. Gerade auch die Exkursionen in verschiedene Betriebe und die interessante Einblicke, die man dort gewinnen könne, gefallen Paula an ihrem Studium besonders und die vermisst sie jetzt in der Corona-Krise auch sehr.
Generell empfinde sie die ganze Situation allerdings „gar nicht so dramatisch“: „Im Gegenteil, ich teile mir gerne die Zeit selbst ein und mache mal einen Tag sehr viel und auch einen Tag mal gar nichts. Da ich aus den vergangenen Semestern noch die eine oder andere Klausur schreiben muss, habe ich nun die Möglichkeit, nochmal alles zu wiederholen“. Denn die Vorlesungsmaterialien, die zum Teil aus Video oder Audiodateien bestehen, würden online zur Verfügung stehen. „Somit bringt die Umstellung auf die Online-Vorlesungen in der aktuellen Situation für mich einen großen Vorteil“, sagt Paula Wagner.
Anfangs jedoch habe sich alles etwas „holpernd gestaltet“. Da die Hochschule wahrscheinlich nicht auf eine solche Situation vorbereitet war, habe es bei manchen Dozierenden eine gute Weile länger als bei anderen gedauert, bis diese online Material zur Verfügung stellten, vermutet Paula Wagner. „Zu Semesterbeginn wusste keiner so wirklich, wie es weitergeht und wie lange, und was zu tun ist. Inzwischen scheint alles zu laufen und alle haben sich einigermaßen an die Situation gewöhnt.
Immer mal wieder kommen Mails von der Hochschule mit aktuellen Informationen zur Situation und wie es weiter gehen soll, doch die Aussagen sind teilweise doch eher schwammig, da ja auch aktuell keine definitiven Aussagen getroffen werden können, wie es weiter geht“, so die Studentin.
Aber auch negative Aspekte gibt es für die junge Frau: „Vor allem die Ungewissheit, inwiefern sich das Sommersemester nach hinten verschieben wird, beunruhigt mich. Denn eigentlich wollte ich ab September nach Kanada gehen, um dort mein Praktikum zu absolvieren. Ob das überhaupt möglich sein wird, steht natürlich noch in den Sternen. Eigentlich ist es so, dass man seine Thesis erst schreiben kann, wenn man das Praktikum absolviert hat, diese Regelung wurde auf Grund der Situation geändert und man kann nun die Thesis vorverlegen und dann erst danach ins Praktikum gehen“, berichtet Wagner. Für sie persönlich sei diese Ausnahmeregelung aber eher unattraktiv und würde ihre Pläne zerstören. Dennoch will auch sie sich anpassen und einen Plan B erstellen, falls sie ihr Praktikum nicht wie geplant durchführen kann. Auch Paulas Projekt „Weintourismus“ sollte mit einer von ihrer Projektgruppe geplanten Veranstaltung abgeschlossen werden: „Hier musste dann auch das gesamte Konzept geändert werden und das Endergebnis wird nun keine Veranstaltung, sondern eine Seminararbeit sein“, berichtet sie.

„All diese Ungewissheiten sind für mich schon ein bisschen nervenaufreibend, aber dennoch möchte ich mich keinesfalls beklagen, denn schlimmer geht immer. Ich kann mich glücklich schätzen, dass es heutzutage so viele Möglichkeiten gibt zu kommunizieren, ohne den persönlichen Kontakt zu haben“. Allerdings seien es eben auch genau diese Kontakte, sich zwischen den Vorlesungen mit anderen Studenten auszutauschen oder gemeinsam Mittag zu essen, die ihr sehr fehlen.

Und das geht auch Tatjana Schmidt so: für die 27jährige ehemalige Wallufer und Rheingauer Weinkönigin war schon vor der Ausbildung klar, dass sie in Geisenheim studieren will. „Tatsächlich begann ich beim Schloss Johannisberg daher auch erst als Praktikantin. Statt der erforderlichen sechs Monate Vorpraktikum für das Studium plante ich ein ganzes Jahr. In den ersten Wochen war aber sehr schnell klar, dass ich vom Praktikum zur Ausbildung wechseln werde. Die klassische Winzerlehre dauert drei Jahre. Mit der allgemeinen Hochschulreife kann man jedoch auf zwei Jahre verkürzen, was ich auch getan habe und dann 2016 das Studium in Geisenheim begonnen habe“, erzählt sie. Zeitgleich mit dem Beginn der Winzerlehre wurde Tatjana Wallufer Weinkönigin und drei Jahre später sogar zur Rheingauer Weinkönigin gewählt. „In Geisenheim entschied ich mich für den Studiengang Weinbau und Oenologie. Vor allem die Mischung aus Theorie und Praxis und zum kleinen Teil auch die Forschung finde ich hierbei extrem spannend“, sagte sie. Schließlich stammt sie aus dem Weingut Friedel Russler und war hier auch schon immer mit eingebunden. Doch gerade auch der „große Spagat“ zwischen elterlichen Betrieb, dem Amt der Rheingauer Weinkönigin und Studium habe mit sich gebracht, dass Tatjana das Studium nicht in der Regelstudienzeit von sechs Semestern beenden konnte. „Vor allem für das im Studium enthaltene berufspraktische Praktikum wollte ich genügend Zeit und Luft haben, weshalb ich mich dazu entschied, während des kompletten 7. Semesters ein Praktikum in Österreich im Weinlaubenhof Kracher im Burgenland zu machen. Jetzt befinde ich mich im 8. Semester und nutze diese Zeit intensiv für die Versuche meiner Bachelorarbeit. Für mich die zeitlich beste Entscheidung“, erzählt sie. Und die plötzlichen Veränderungen durch die Corona-Krise würden nur wenig in ihren Studienalltag eingreifen: „Vorlesungen oder Seminare habe ich ohnehin keine mehr. Eine Klausur steht noch aus, ansonsten beschäftige ich mich mit meiner Thesis zum Thema „Einfluss von SO2 auf den Wein“. Da Tatjana Schmidt zurzeit in der Hauptphase ihrer Versuche steht, sei es jedoch schwierig, wegen der Kontaktsperre nicht selbst in der Hochschule sein zu können, um diese durchzuführen. „Ich habe aber wirklich großes Glück: mein betreuender Professor führt aktuell alle Versuche für mich durch und das Hochschullabor hat die Auswertungen der Analysen übernommen“, berichtet Tatjana. Und da auch die Hochschulbibliothek geschlossen ist, habe ihr Professor Tatjana Schmid einige Links zusammengestellt, unter denen sie die benötigte Literatur findet.

Ganz ausdrücklich lobt die Studentin dieses großartige Engagement, für das sie sehr dankbar sei. „In dieser Zeit geht natürlich alles nur telefonisch und über E-Mails. Von Hochschulseite wird man als Student in Form von E-Mails immer wieder auf dem Laufenden gehalten. Ich weiß auch von Kommilitonen, dass einige Videokonferenzen mit ihren Professoren haben und diese auch erfolgreich funktionieren“, so Tatjana Schmidt, die voller Anerkennung für die technisch gut aufgestellte und für ihre Studenten immer sehr engagierte Hochschule Geisenheim University ist. Die Krise habe auch ganz deutlich gezeigt, dass ohne Internet aktuell nichts möglich wäre: „Was hätten wir da nur vor ein paar Jahren gemacht, wenn das passiert wäre?“. Tatjana ist gespannt, wie alles weiter geht, aber optimistisch gestimmt: „Diese Woche entscheidet sich noch einiges und ich habe die Hoffnung, dann auch mal selbst in der Uni nach meinen Versuchen zu sehen und mit den weiteren Schritten zu beginnen“. In der Zwischenzeit sei sie voll und ganz daheim im Weingut eingespannt: „Die Natur schläft nicht und lässt sich auch von solch einer Krise nicht bremsen. Der neue Jahrgang wurde abgefüllt, Weinberge angelegt und vieles mehr. Auch wenn wir derzeit keine Feste feiern können und die Schlemmerwoche ausfällt, findet sich genug zu tun“. Die Corona-Krise habe ihr gezeigt, dass Zeit nicht unendlich sei und man viel zu viele kleine Momente schnell mal als selbstverständlich genommen hat. „Daheim merken wir gerade jetzt: in die Natur gehen zu können und täglich auch unsere Arbeit zu haben ist neben der Gesundheit gerade das größte Gut, und das schätze ich wirklich sehr. Ansonsten wünsche ich mir an Erfahrung für alle anderen, dass, sollte so eine ähnliche Situation noch einmal kommen, mehr Wein, statt Toilettenpapier gehortet wird. Bewirkt allein beim Einkauf schon mehr Glücksgefühle“, so Tatjana Schmidt.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 10.05.2020.

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