Die Erschaffung Adams in der Unterführung
05.07.2026
Junge Graffiti-Künstler lassen in Kooperation mit der Stadtjugendpflege Kunstwerke in Bahnunterführung entstehen
Winkel. (sf) Ganz lässig sprühte Lotta mit der hellgrünen Farbdose immer wieder Linien auf die graue Wand in der 2016 gebauten Fußgängerunterführung an der Hallgartener Straße und ließ ein Blatt entstehen. Die Blätter einer Weinrebe umranken jetzt hier ein großartiges Kunstwerk: Ein Ausschnitt aus Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ ist hier seit letzter Woche zu besichtigen.
Die Künstleraktion ist eine Kooperation der Stadtjugendpflege der Stadt Oestrich-Winkel mit dem bekannten Rheingauer Graffiti Künstler Arkadiusz Grajek, besser als Arek bekannt. Gemeinsam mit ihm hatten die Kinder und Jugendlichen, die regelmäßig den Jugendtreff am Mittwochabend im Raum der Stadtjugendpflege über der Turnhalle im Bürgerzentrum besuchen, schon eine Woche zuvor mit der Verschönerung der Unterführung begonnen. Betreut wurde der Workshop von Stadtjugendpflegerin Franziska Klassen, die auch die Idee hatte, die Besucher des Jugendtreffs dafür zu begeistern.
„Wir haben endlich die Genehmigung der Deutschen Bahn, dass wir jetzt Stück für Stück alle Unterführungen mit solchen Kunstprojekten der Jugendlichen verschönern dürfen“, freute sich Bürgermeister Carsten Sinß vor Ort. Es sei ein langer Weg gewesen, diesen Rahmenvertrag zu schließen. Doch die Mühe hat sich gelohnt, wie auch der Oestricher Ortsbeirat bei der Besichtigung der fast fertigen Kunstwerke in der Unterführung Hallgartener Straße feststellte.
Fast 60 Flaschen Sprühfarbe, gestiftet von der Stadt Oestrich-Winkel, haben die Jugendlichen gebraucht, um die triste Unterführung in ein buntes Kunstwerk zu verwandeln. Beim ersten Teil der Aktion durften die jungen Sprayer unter der Anleitung von Arkadiusz Grajek ganz individuelle Kunstwerke auf die Wand sprühen. Zur Inspiration hatte der Graffiti-Künstler Vorlagen und Schablonen mitgebracht und sehr zur Freude der jungen Künstler eine VR-Brille, mit der die Schablonen fachgerecht auf die Wand aufgebracht wurden. Nicht nur große Motive, auch kleinere Kunstwerke wurden in der Gemeinschaftsaktion an die Unterführungswand gesprayt. Auch mit ihren Vornamen signierten die Teilnehmer ihre gesprayten Bilder.
Am letzten Mittwoch dann gab es ein großes gemeinsames Wandbild auf der zweiten Seite und das hat es in sich: Zu sehen ist mittig eine moderne Version der berühmten Hände aus dem zwischen 1508 und 1512 geschaffenen Deckenfresko von Michelangelo Buonarroti in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Es ist eines von neun Einzelfresken der Decke der Kapelle, welche Szenen aus dem Buch Genesis, insbesondere der Schöpfungsgeschichte, darstellen. Es zeigt, wie Gottvater mit ausgestrecktem Zeigefinger Adam zum Leben erweckt. Das Bild wie auch sein zentraler Bereich der sich beinahe berührenden Finger wurden schon oft reproduziert und sind auch Teil der Populärkultur. Und jetzt eben auch in der Oestricher Bahnunterführung zu sehen.
Immer wieder hätten einige Oestricher Zuschauer allen Alters den Jugendlichen bei ihrer Arbeit zuguckt: Jeden Handgriff der Graffiti-Sprüher beobachteten die Zuschauer und stellten fest, wie aus vagen Linien und Umrissen schon nach kurzer Zeit ein echtes Kunstwerk wurde. „Wir wollen hier zeigen, dass Graffiti auch Kunst sein kann und wollen auch nicht nur einfach die Wände bunt sprayen. Unser Anspruch ist höher. Wir wollen zwar eigene Ideen und Ansichten umsetzen, aber auch künstlerische Arbeit mit einfließen lassen und zeigen“, erklärten die engagierten jungen Sprayer.
Mit der Aktion soll aber auch ein Stück weit Akzeptanz für die Graffiti-Kunst geschaffen werden. Denkbar sei auch, einige Unterführungen als legale Flächen zum künstlerischen Besprühen freizugeben, kann sich Bürgermeister Sinß vorstellen. Der Anspruch ist allerdings, mit diesen Kunstwerken in den Unterführungen eine besondere Visitenkarte abzugeben. Auf jeden Fall darf man gespannt sein, wie die Graffiti-Künstler auch die weiteren Unterführungen gestalten werden. Der Anfang ist auf jeden Fall vielversprechend.
Ein Bericht von Sabine FLadung vom 05.07.2026.
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