Wasser ist Leben

13.09.2022

Das kostbarste Gut, das wir haben: Nie war der Wassernotstand so sichtbar wie in diesem Sommer

Rheingau. (sf) Es ist das kostbarste Gut, das wir haben und das es keine unendliche Ressource ist, wird uns in diesen Tagen sehr bewusst vor Augen geführt: Wasser ist Leben – man muss sehr behutsam damit umgehen. Und dass - nicht nur - der Rheingau in diesem Sommer unter Wasserknappheit leidet, stellt man allerorten fest: Der Rhein hat sich vom mächtigen Strom in ein kaum noch schiffbares Flüsschen entwickelt, aus den Bächen, die zum Rhein fließen, sind kümmerliche Rinnsale geworden, wenn sie nicht sogar komplett ausgetrocknet sind. Die seit Wochen anhaltende, ja beängstigende Trockenheit bedroht die Tier- und Pflanzenwelt und ein Ende ist erst einmal nicht abzusehen.

Auch der Rhein führt schon seit Wochen Niedrigwasser und die Pegel sinken immer weiter. Kleine Inseln entstehen, an einigen Stellen tauchen Autoreifen, Fahrräder oder sogar Grabsteine und Weltkriegsmunition auf, die man nicht anrühren und einfach - wie in Eltville passiert, persönlich zur Polizei bringen sollte. Der kurze, leichte Anstieg des Rheinpegels in der vergangenen Woche durch einige Regenfälle im Süden Deutschlands hat die Situation der Schifffahrt nur vorübergehend entspannt. Die weiterhin fehlenden Niederschläge bringen keinen Nachschub, der Wasserpegel ist so stark gesunken das nicht mal mehr die Fahrgastschifffahrt mit ihren Ausflugsbooten fahren kann. Bei der Flusskreuzfahrt drohen massive Verluste, sollte es durch weiter sinkende Pegel zu Stornierungen kommen. Nach zwei Jahren Corona-Pandemie profitiert die Passagierschifffahrt nun von der großen Reiselust der Menschen und dem guten Wetter, doch nun ist die Branche vom Niedrigwasser im Rhein bedroht. Besonders schlimm aber ist es für den Transport wichtiger Güter auf dem Rhein, was die sowieso in den letzten Monaten sehr angespannte Lage von Lieferschwierigkeiten auf allen Sektoren noch weiter verschärft. Schließlich ist der Rhein eine der verkehrsreichsten Wasserstraßen der Welt und von großer Bedeutung für die deutsche Wirtschaft. Wichtige Rohstoffe wie Getreide, Chemikalien, Mineralien, Kohle und Ölprodukte gelangen über die Binnenschifffahrt zu Abnehmern wie Chemiefabriken oder Kraftwerken. 2018 gab es schon einmal ähnlich Probleme durch Niedrigwasser im Rhein. Damals kostete das die deutsche Wirtschaft 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und die Situation in diesem Jahr ist noch viel schlimmer. Und vor dem Hintergrund der aktuellen Energiekrise könnten die Auswirkungen noch verheerender sein, wenn Kohle, Gas, Diesel und Öl nicht mehr geliefert werden können. Noch fahren einige Schiffe, aber nur mit rund einem Drittel der üblichen Fracht, um möglichst wenig Tiefgang zu haben. Doch der Wasserstand des Rheins sinkt weiter und man fragt sich, ob der Schiffsverkehr vollständig zum Erliegen kommen könnte.

Und wenn es denn in den heißen Sommern der letzten Jahre einmal regnet, dann oft in Form von Starkregen, der mehr oder weniger ungebremst abfließt oder gar für Überschwemmungen sorgt, wie die Flut im Ahrtal gezeigt hat. Der ohnehin zu niedrige Grundwasserspiegel sinkt seit geraumer Zeit immer weiter und das sorgt für mehr und mehr Kopfzerbrechen vor allem auch beim lokalen Wasserversorger, der Rheingauwasser GmbH. Derzeit kann man die Wasserversorgung im Rheingau noch sicherstellen, aber die Überlandleitung, die die Kommunen versorgt, ist ebenso an ihre Grenzen gestoßen wie der Wasserbeschaffungsverband, der nicht mehr als 12.000 Kubikmeter Wasser pro Tag für den Rheingau liefern kann. Dem gegenüber steht ein stetig steigender Verbrauch, der verschiedene Ursachen hat: zum Einen ist das die immer höher werdende Einwohnerzahl gerade im vorderen Rheingau, denn mehr Menschen benötigen auch mehr Wasser. Zum anderen ist aber offensichtlich auch die Zahl derer gestiegen, die sich einen privaten Swimmingpool im eigenen Garten zugelegt haben oder auch jetzt noch einen grünen Rasen bewässern. „Ein Rasensprenger zum Beispiel verbraucht gut 800 Liter Wasser pro Stunde, von dem ein großer Teil schnell verdunstet, ein durchschnittlicher Pool mit einem Durchmesser von 3,70 m und 1,20 m Höhe verschlingt bei der Erstbefüllung 11,5 Kubikmeter Wasser. Das überfordert die Quellen und an manchen Tagen steigt der Verbrauch schneller, als die Hochbehälter nachgefüllt werden können!“, erläutert der Wassermeister bei der Rheingauwasser Röttger Schiffels. In dieser Situation hat die Rheingauwasser GmbH gemeinsam mit den Kommunen entschieden, die sogenannte Wasserampel auf „Rot“ zu stellen und die Bürger noch einmal sehr ernsthaft auf einen vernünftigen Umgang mit Trinkwasser hinzuweisen, also das Befüllen von Pools, das Rasensprengen und auch unnötige Autowäschen zu unterlassen, um nur die gravierendsten Beispiele zu nennen. „Dieser Appell, verbunden mit der Ferienzeit, hat für eine gewisse Stabilisierung der Vorräte gesorgt, man muss aber befürchten, dass dieser Zustand nur von vorübergehender Dauer ist.“, so Geschäftsführer Mario Schellhardt. Sollte der Verbrauch erneut den Nachschub übersteigen, droht der Erlass einer Gefahrenabwehrverordnung, mit der festgelegt wird, wofür Trinkwasser noch verbraucht werden darf und was möglicherweise mit einem Bußgeld geahndet wird. Natur- und Umweltschutzverbände fordern den Erlass einer solchen Verordnung bereits, und zwar nicht nur auf kommunaler Ebene, sondern sogar für größere Gebiete und ganze Regionen.

Um den Trinkwasserbereich zu entlasten, gibt es über den Rheingau verteilt mehrere Zapfstellen für Brauchwasser, das als Trinkwasser wegen zu hoher Schadstoffbelastung nicht geeignet ist, wohl aber für die Bewässerung von Weinbergen und Gärten eingesetzt werden kann. „Allerdings sind auch deren Reserven nicht unendlich, vor allem die grundwassergespeisten Zapfstellen leiden unter dem niedrigen Grundwasserspiegel und versiegen nach langanhaltenden Trockenperioden.“, so der Wassermeister. Zwar sei die Rheingauwasser GmbH bemüht, weitere Vorkommen zu erschließen: „Dazu müssen wir aber viel Geld in die Hand nehmen. Die Aktivierung eines Tiefbrunnens verschlingt eine sechsstellige Summe für das Herstellen des Schachtes, die notwendigen Pumpen und das Anlegen einer befahrbaren Verkehrsfläche!“, erläutert Geschäftsführer Mario Schellhardt. Doch nicht nur zur Sicherstellung der Trinkwasserversorgung sind solche Investitionen notwendig, sondern auch, um der Winzerschaft die immer öfter notwendige Bewässerung der Weinberge, insbesondere neu angelegter Flächen mit noch flachen Wurzeln, zu ermöglichen.

Kennt man bisher vor allem aus Südeuropa extreme Dürresituation, ist dieses Jahr auch in Deutschland eine außergewöhnliche Dürre zu verzeichnen. Insbesondere beim pflanzenverfügbaren Wasser wird deutlich, dass mit Ausnahme der Küstenregionen und einiger Gebiete am Alpenrand und am Bayerischen Wald weniger als 10 bis 20 Prozent der nutzbaren Feldkapazität aufweist und somit das Pflanzenwachstum stark bedroht ist. Die nutzbare Feldkapazität ist ein Maß für den Wassergehalt des Bodens, der von der Bodenbeschaffenheit abhängig ist und dem entsprechenden Bodenwassergehalt. Der Bodenwassergehalt ist von den gefallenen Niederschlägen, aber auch vom Verhältnis Niederschlag und Verdunstung abhängig und bereits seit März dieses Jahres herrscht ein Niederschlagsdefizit, so dass dementsprechend auch das Defizit aus den Vorjahren nicht ausgeglichen werden konnte. Und dieser Tatbestand des verbreitet fehlenden Niederschlags tritt dann auch noch in Kombination mit viel Sonnenschein, immer wieder auch recht windigen Verhältnissen und dementsprechend hoher Verdunstung auf.

Selbst wer den Klimawandel als solchen leugnet, muss sich eingestehen, dass man eine seit Jahren anhaltende Trockenperiode erleben, die alle zum sparsamen Umgang mit der kostbaren Ressource Wasser zwingt. Und wer auch das nicht einsehen will, sollte einmal über die finanziellen Folgen steigenden Wasserverbrauchs nachdenken: der Versorger zahlt für das sogenannte „Spitzenwasser“, das über den vereinbarten Normalbezug der täglichen 12.000 Kubikmeter hinausgeht, pro Kubikmeter deutlich mehr an seinen Lieferanten, als er derzeit in Rechnung stellt. „Eine vermehrte Abnahme von Spitzenwasser bedeutet mittelfristig aber auch steigende Gebühren. Da ist es sinnvoll, über Sparmaßnahmen nachzudenken, die nicht einmal mit Einschränkungen verbunden sein müssen!“. Der allgemein bekannte Tipp, das Vollbad durch eine Dusche zu ersetzen, spart pro Dusche etwa 80 Liter Wasser ein; das Wasser, mit dem man Obst oder Gemüse gewaschen hat, muss nicht in den Abfluss laufen, sondern eignet sich hervorragend zum Gießen, die Eco-Programme von Wasch- und Spülmaschine dauern zwar etwas länger, sparen aber nicht nur Wasser, sondern auch Energie.

Zusätzlich hat Rheingauwasser wie viele andere Branchen auch mit den Lieferschwierigkeiten für wichtige Materialien zum reibungslosen Erhalt der Wasserversorgung zu kämpfen: da fehlt nicht nur der Stahl für Rohre, die zum Beispiel ausgewechselt werden müssen, vor allem auch die sensiblen technischen Anlagen für die Überwachung der Wasserbehälter werden zur Zeit behütet wie kostbares Gut, weil es hier kaum Ersatzteile gibt. Wassermeister Röttger Schiffels macht die regelrechte Furcht. Er hofft, dass keine seiner Anlagen jetzt in dieser angespannten Situation ausfällt: „Bis zu sechs Monate Lieferzeit muss man zurzeit für die einfachsten Bauteile rechnen!“.

Die fehlenden Niederschläge sorgen auch im Abwasserbereich dafür, dass man neue Wege geht. Um die austrocknenden Kanalsysteme zu spülen, nutzt man das bereits geklärte Wasser aus den Klärwerken, leitet dieses nicht direkt in den Rein, sondern bringt dieses nochmals in das Kanalsystem ein und spart somit Trinkwasser, das ansonsten als Ersatz für die ausbleibenden Niederschläge zum Spülen herhalten müsste.

Am Ende muss die Menschheit aber mit den sich ändernden Wetter- und Klimabedingungen leben lernen und ihre Verhaltensweisen anpassen, wenn nicht irgendwann einmal ein Mangel auftreten soll, der nicht mehr zu kompensieren ist.

Ein Bericht von Sabine Fladung vom 13.09.2022.

https://www.rheingauwasser.de/

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